Julien-Gosselin-inszeniert-1993-von-Aurélien-Bellanger-beim-Festival-von-Marseille

„1993“ in Marseille uraufgeführt
Das Tanzen der Elementarteilchen
von Eberhard Spreng

Julien Gosselin gehört zur Generation der Dreißigjährigen, in deren Kindheit das Theorem vom „Ende der Geschichte“ die Runde machte: Das Versprechen auf ein Leben ohne Krieg und im Wohlstand einer liberalen Gesellschaft. Zusammen mit dem jungen Erfolgsautor Aurélien Bellanger unterzieht der talentierte Nachwuchsregisseur mit „1993“ den europäischen Kontinent jetzt einer beklemmenden Bestandsaufnahme.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 04.07.2017

Das junge Ensemble, ratlos

Eurodance heißt der erste Teil in dem Europatriptychon „1993“ (Foto: Jean Louis Fernandez)

Ein Text des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama begrüßt die Zuschauer beim Eintritt in den Saal im Marseiller Théâtre du Gymnase. In dem Text heißt es, die Geschichte der ideologischen Grenzziehung, des kalten Krieges zwischen Ost und West, der großen Menschheitskonflikte sei mit dem Fall der Berliner Mauer überwunden und werde nun von einer Freiheitsordnung abgelöst, in der das westliche, liberale Gesellschaftsmodell sich weltweit durchsetze. Mit dem Ende der Konflikte sei das Ende der Geschichte eingetreten.

Alle an der Produktion Beteiligten des Theaterstückes „1993“ haben gemein, dass sie nach dem Fall der Berliner Mauer erwachsen, beziehungsweise viele erst nach 1989 geboren wurden. Und damit in einem hellen Menschheitsversprechen, das sich gerade jetzt als trügerisch erweist. Auf die Illusion einer Europäischen Gemeinschaft, die Jahrhunderte verheerender Kriege auf diesem Kontinent auf immer vergessen mache, kommt die Aufführung immer wieder zurück. “L’Europe a pris un visage humain, l’Europe est devenue une machine hantée par des fantômes humains. Une machine devenue folle, devenue hostile et malveillante. Les normes de sécurité des grands aéroports sont devenues les procédures de contrôle standards des flux humains et logistiques.“

Techno-Grooves und rasende Wortflut

In rasendem Tempo sprechen die Akteure die wild assoziierenden Texte zu den Flächenakkorden der Ambientmusik und später heftig und laut pulsierenden Techno-Rhythmen, mit denen Gosselin schon in früheren Arbeiten das Bühnengeschehen befeuert hat. Aurélien Bellanger hat sich in seinen drei bisherigen Romanen immer wieder mit den modernistischen Mythen Frankreichs und ihrem Niederschlag in monströsen Infrastrukturprojekten befasst. Hier geißelt er ein technokratisches Europa, das die Freiheiten seiner Nachkriegsordnung in umfassenden Reglementierungen und administrativen Verhaltensdirektiven ertränkt.

Der runde Tunnel des Teilchenbeschleunigers Cern und der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal fallen in dieselbe Entstehungszeit. Sie dienen hier als Metaphern für ein technologisches Fortschrittsdenken, das im Ergebnis doch nur neues Chaos schafft: Allem voran den so genannten Dschungel von Calais, wo Flüchtende campierten in der Hoffnung auf Weiterreise nach Großbritannien. Und so blendet sich, während im Text an Rostropowitschs Konzertauftritt an der Mauer erinnert wird, ganz sachte ein Videobild ein, das den neuen Grenzzaun zeigt, entlang der Bahnstrecke, die zum Tunnel führt.

Nachdem Gosselin den Text über den Teilchenbeschleuniger nur mit kunstvoll arrangierten Lichtblitzen begleitete, in der Abstraktion eines menschenfremden Photonentheaters, blendet sich nun wieder die bittere Wirklichkeit in die höchst kunstvoll arrangierte Bilderwelt des Regisseurs. So wirkt dann auch der salbungsvolle Text über den Friedensnobelpreis an die EU im Jahre 2012 wie blanker Hohn. “So, where there was war, there is now peace.  But  another historic  task now  lies ahead  of  us:  keeping  peace where there is peace. After  all, history is not a novel, a book we can close  after  a Happy  Ending: We remain fully responsible  for what is yet to come.”

Die Party von Erasmusstudenten endet makaber.

Die Spaßgesellschaft der Erasmusgeneration schliddert geradewegs in einen neuen Faschismus. (Foto: Jean Louis Fernandez)

Nachdem die Aufführung die ersten beiden, ziemlich abstrakten und zivilisationskritischen Teile des Europatriptychons absolviert hat, scheint dann im „Erasmus“ genannten Finale noch einmal das ganze Talent des Nachwuchsregisseurs Gosselin auf: Eine Horde Erasmusstudenten ist zu einer rauschenden, kokainbefeuerten und erotisch aufgeladen Party zusammen gekommen. Die horizontal geteilte Bühne zeigt oben im Video die Großaufnahmen der Akteure, unten ist das physische Geschehen als Totale zu verfolgen. Wie Gosselin hier aus der großen Gruppe Handlungsdetails entstehen lässt, wie er Rhythmus, Gesamtbild und Einzelereignis verknüpft und ineinander übergehen lässt, ist meisterhaft und hat eine große suggestive Kraft. Langsam wird deutlich, dass ein paar Partygäste noch eine andere unheimliche Agenda haben: Ein Revolver kommt ins Spiel. Dann werden die Handys eingesammelt, und nach und nach versammeln sich alle in einem Kreis und heben langsam den Arm zum Hitlergruß. Aus der Spaßgesellschaft ist die neue Rechte geworden. Dann grelles, kaltes Licht, ausdruckslose Gesichter, Katerstimmung, Im Hintergrund Plakate: die Modemarke „European Brotherhood“ oder „Je suis Charlie Martel“. An Karl Martell wird also erinnert, der im 8ten Jahrhundert in der Schlacht bei Poitiers die arabische Ausbreitung in Europa gestoppt haben soll. Gespenstisch das Ganze, wenn auch nicht wirklich hergeleitet aus der Infrastrukturkritik des Anfangs.

Aurélien Bellanger und Julien Gosselin wollen auf das große Ganze hinaus, das Epochale, das Gesamtbild. Gosselin hat mit bisherigen Arbeiten bewiesen, dass er das kann. Bei „1993“ gelingt das nur in Ansätzen, denn dieser Text gibt dem Theater und seinen Bildern kaum Raum zur Entfaltung.