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Festival d’Avignon
Von Parisern und leiseren Menschen
von Eberhard Spreng

Festivaldirektor Olivier Py inszeniert seinen eigenen Roman „Les Parisiens“: Die Erfolgreichen des Kulturbetriebs verstricken sich in Intrigen, eine Randgruppe meditiert über die großen Fragen des Lebens. Mittendrin, im lauten Volkstheater: Aurélien, die erfolgreiche Lichtgestalt und Lucas, der traumatisierte Poet. In Räume der Stille und Intensität entführen dagegen beim Auftakt in Avignon
„Sopro“ aus Portugal und „Unwanted“.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 09.07.2017

Straßenmusiker auf dem Platz vor dem Papstpalast in Avignon

Auftakt in Avignon (Foto: Eberhard Spreng)

„Paris ist zweigeteilt: In Aufsteiger und Absteiger.“ Der das sagt, ist gerade aus der Provinz in die französische Hauptstadt gekommen und wild entschlossen, dort Karriere zu machen. Er heißt Aurélien und will sich als Regisseur behaupten. Paris sucht gerade einen neuen Intendanten für die Oper und eine Kulturbetriebsstrippenzieherin, die an dem jungen lockenköpfigen Adonis Gefallen gefunden hat, sorgt während des verwickelten Berufungsverfahrens schon mal dafür, dass ihr Protegé als Jungregisseur später seine Chance bekommt. Aurélien spielt seinerseits meisterlich auf der Klaviatur der Verführungen in den Salons der Macht, wo eine verklausulierte Sprache klug gedeutet sein will.

–    « Nous devons espérer que les artistes jouent, dans la société, un rôle plus important que décorateur de la crise des valeurs et du déclin de l’europe.
–    Ca, c’est un point pour Touraine, c’est lui l’artiste des deux. »

Aurélien, die heitere Lichtgestalt, gefällt zynischen Mäzenen, dem depressiven Kulturminister und anderen Playern in den Zirkeln der Macht. Sein Herz schlägt aber für eine Gruppe von schwullesbischen Randgestalten, die wie einen LGBT-Kommune zusammenlebt und sich mit kleinen Deals, mit Prostitution und Arbeitslosenhilfe durchschlagen muss. Und hier ist auch Lucas zuhause, der eine hoch problematische Vaterbeziehung hat und von Schuldgefühlen geplagt wird. Er ist in diesem Bildungsroman, den die Bühnenversion in Richtung Farce verschiebt, der verfinsterte Antipode. Während der eine von Erfolg zu Erfolg eilt und seinen Weg in der Weltlichkeit macht, gerät der andere immer tiefer in die existentiellen Fragen nach dem Kern der Liebe, des Lebens und der Existenz Gottes.

–    « Au fond de cette merde je n’ai rien trouvé, ni joie, ni Dieu, pas même l’orgueil…
–    Il n’y a pas de pêre en soi, le père n’existe que s’il y a un fils.
–    Je ne sui ni l’un ni l’autre. Ni le troisième. »

Was der Sufismus im Islam, das ist Olivier Py im Katholizismus

Natürlich ist in dieser Trinitätsmetapher von Vater, Sohn und heiligem Geist der Fundamentalkatholik Py wieder ganz in seinem Element: „Deine Wunde ist die Sprache, und diese Wunde kann nur Gott heilen“ muss sich das Publikum und der Schmerzenspoet Lucas schon in der ersten der viereinhalb Theaterstunden anhören. Unzählig sind die Sentenzen und Glaubenssätze, in denen vor der Folie der schwullesbischen Kulturbetriebsposse von Gott und der Welt die Rede ist. Was der Sufismus im Islam, das ist Olivier Pys fromme Philosophie im Katholizismus: Eine Beschwörung der elementaren Schönheit, die die Abwesenheit Gottes umstrahlt, sichtbar für alle, die nach ihm suchen.

Mit krassem Straßentheaterspiel, hoch fliegenden Armen, aufgerissenen Augen und unentwegter Bewegung erzählt dieses Volkstheater von Parisern, der in ihrem lustigen oder traurigen Leben ständig von den großen Sinnfragen heimgesucht werden. Den Erfolgreichen droht Impotenz, Verdruss und Sinnkrise, den Armen wird göttliche Weisheit zuteil.

Die Bühne im Cloître des Carmes ein Innenraum, ein ehemaliges Theater

Cristina Vidal, noch allein im Raum der Erinnerung. (Foto: Eberhard Spreng)

Vom Lärm des Glaubens geht es am dritten Festivaltag in die Stille der Erinnerung. Tiago Rodrigues, Leiter des portugiesischen Nationaltheaters, stellt im Hof des Karmeliterklosters eine einsame schwarze Gestalt auf die Bühne. Es ist Cristina Vidal, eine der wenigen Verbliebenen eines aussterbenden Theaterberufs: „Sopro“ erzählt von den Erinnerungen einer Souffleuse, die in ein verlassenes Theater hereinwehen wie der Wind  der Provence. Gräser wachsen stellenweise durch die Bühnenbretter. Hier lässt die Souffleuse noch einmal Figuren aus Stücken auftreten, die sich in ihre Erinnerung eingeschrieben haben.

Dorothée Munyaneza kämpft für vergewaltigte Frauen nicht nur in Ruanda

Den Start in den Afrikafokus im diesjährigen Programm bestritt mit Dorothée Munyaneza eine Überlebende des ruandischen Völkermordes. Sie hat Frauen befragt, die vergewaltigt wurden und Kinder zur Welt brachten, die mit dem Trauma leben müssen, dass ihr Leben mit einer grausamen Gewalttag verknüpft ist. Zusammen mit ihrer Mitperformerin Holland Andrews sucht Munyaneza in „Unwanted“ – „Unerwünscht“ nach Figuren der Bewältigung einer traumatisierten Mutter-Tochter-Beziehung. Das ist, fernab vom Dokumentarischen eines Hans-Werner Kroesinger oder eines Milo Rau, ein reines Theater der Stimmen, der Körper, der Bilder und einer der intensivsten Momente bei diesem Festivalauftakt.