Boris-Charmatz-Fous-de-Danse-eröffnet-die-erste-Saison-von-Chris-Dercon-an-der-Volksbühne-in-Berlin

Chris Dercons Volksbühne eröffnet ihre Spielzeit mit einem Tanzmarathon
Was ist das Volk– in Volksbühne?
Von Eberhard Spreng

Nach Monaten erbitterter Auseinandersetzungen um die Zukunft der Volksbühne stellt sich der neue Intendant Chris Dercon und sein Team auf dem Tempelhofer Flugfeld dem Berliner Publikum: Mit kostenlosem Eintritt zu einem Tanz-Event, das der Choreograph Boris Charmatz konzipierte. Ein Gastspiel, das demnächst auch in Paris gastiert.

Deutschlandfunk Kultur, Studio 9 – 11.09.2017

Warm Up mit Boris Charmatz

Warm up mit Boris Charmatz (Foto: Eberhard Spreng)

Boris Charmatz leitet das Worm-Up für alle, die sich am Tanzmarathon auf dem Tempelhofer Feld beteiligen wollen. Und das sind ganz am Anfang der Veranstaltung zunächst nicht sehr viele. Mit viel Humor und Charme führt er mittanzende und zuschauende Gäste in ein Bewegungsrepertoire ein, das die verschiedenen Stile im Modern Danse prägten. Sein Musée de la Danse, eine Art lebendes Tanzmuseum, will so das Bewegungsrepertoire des 20ten Jahrhunderts wach halten, von Isadora Duncan und Mary Wigman zu Lucinda Childs und Merce Cunningham. Sein „Fous de Danse“, das einen Tag lang diverse Tanzstile zusammenbringt, versteht der neue, hart umstrittene Volksbühnenintendant Chris Dercon als programmatische Aussage am Beginn seiner ersten Volksbühnensaison.

Chris Dercon bei der Spielplanpressekonferenz

Chris Dercon (Foto: Eberhard Spreng)

Wir haben Boris Charmatz eingeladen, weil er sehr interessiert ist an dem Zelebrieren von Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit, auch wenn wir sehr unterschiedlich reden und denken. Ich kann sehr gut umgehen mit Konflikten. Theater ohne Konflikte gibt es nicht und das Theater ist der Ausdruck von Konflikten, aber Hass und Feindseligkeit ist noch etwas anderes und heute ist ein Ausdruck von dem was wie gerne erreichen wollen: Nämlich Volksbühne, was bedeutet das? Dieses Ding „Volks-„ in dem Namen Volksbühne? Wir wollen auch etwas machen für die Bevölkerung in Berlin und mit der Bevölkerung von Berlin.

An wechselnden Orten wird auf dem Asphalt des gewaltigen Areals getanzt, von Profis und von Amateuren. Eine Einbindung der etwa 200 auf Tempelhof verbliebenen Geflüchteten hat dabei allerdings nicht stattgefunden. Bereits in Brest und Rennes war Charmatz „Fous de Danse“ zu sehen, bevor es in wenigen Wochen auch in Paris mit leicht verändertem Programm gastieren wird. Speziell für die Volksbühne in Berlin ist das Programm also nicht entstanden. Johannes Odenthal, Programmbeauftragter an der Akademie der Künste, ist dennoch begeistert:

In jedem Fall ist es ein interessanter Start, das Feld zu öffnen und den Tanz allen einen Tag lang zugänglich zu machen. Die Stimmung ist phantastisch, man ist draußen. Auch zwischen sehr avantgardistischen Positionen, historischen Positionen und Community-Arbeit zusammenzustellen, ich finde das, ohne den dramaturgischen Anspruch zu hoch zu setzen, einen Super Auftakt.

Wo waren die Gegner Dercons?

Erstaunlich nach dem Theaterstreit der letzten Wochen war, dass nur wenige Dercon-Gegner sich unter die 10.000 Besucher der Veranstaltung mischten. Eine von ihnen ist die Aktivistin Ines Sobisiak.

Es ist ein Spektakel, es ist Rummel, es ist Volksfest, es ist das, was Familien in Berlin Sonntag Nachmittag bei Sonneschein gerne machen. Das sagt überhaupt noch nichts darüber aus, was er am Theater dann kann. Er muss nicht beweisen, dass er Event kann, er muss beweisen, dass er Theater kann und da ist Tempelhof ein Ablenkungsmanöver. Es ist einfach nur Pille Palle.

Ein Problem dieses Volksbühnen-Neustarts ist seine historische Harmlosigkeit. Er wirkt ohne Bezug zu seinem Spielort, der Brache einer gescheiterten Stadtpolitik. Aber wenn man schon an diesem historisch vielfach aufgeladenen Ort spielt, wären wenigstens kleine künstlerische Gesten willkommen, die diesen Umstand für einen Moment reflektieren. Auch dass die Volksbühne ihre Entstehung zu Beginn des vergangenen Jahrhundert nicht einem Gefühl von Volksgemeinschaft verdankte, sondern im Gegenteil einem Klassenbewusstsein, das für sich eine eigene Ästhetik forderte, wird anscheinend übersehen. Gründungsintendantin des ersten Hebbeltheaters mit internationaler Bespielung, Nele Hertling, versteht den Konflikt als ein Ergebnis einer verirrten Kulturpolitik.

Für mich ist das ganze ein politisch fehlgelaufener Prozess. Wenn Chris Dercon oder Frau Piekenbrock an ein anderes Haus in Berlin berufen worden wären, hätte es, glaube ich diese ganze Auseinandersetzung nicht gegeben. Es ist die Abwicklung von Castorf, die die Animositäten auslöst und nicht der Neubeginn von Dercon. Das ist mein Empfinden. Wäre Dercon an etwas wie das Hebbeltheater berufen worden, hätte sich kein Mensch dagegen gewehrt. Für mich ist es ein fehlgelaufenen politischer Entscheidungsprozess.

So bleibt dann, nach einem langen Tag, neben diversen anderen Eindrücken, z.B. ein gebanntes Publikum, wie es dem Tanz-Star Anne Teresa De Keersmaeker und ihrem Solo „Violon Phase“ zuschaut, irgendwo auf der Asphaltwüste, beleuchtet vom warmen Licht der Nachmittagssonne.