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Chris Dercons Pläne für die Volksbühne
Kuratorenprosa und Kunst-Crossover
Von Eberhard Spreng

Keine Pressekonferenz wurde so heiß erwartet wie diese: Chris Dercon und seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock präsentieren ihre Pläne für die Volksbühne und die mäandern u.a. vom Volkstanzmarathon des Boris Charmatz über das Flüchtlingstheater Abusaadas zu Samuel Beckett und einem Kostümspektakel von Albert Serra.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 16.05.2017

Chris Dercon schildert seine Pläne für die Volksbühne

Chris Dercon auf der Spielplan-Pressekonferenz in Tempelhof (Foto: Eberhard Spreng)

Der Weg zur Pressekonferenz führt durch die leere, in ihrer Monumentalität etwas einschüchternde ehemalige Abfertigungshalle des Flughafen Tempelhof. Im ersten Stock ein großer, nüchterner Raum mit Blick auf das Flugfeld und einen alten Rosinenbomber. Das ist der geschichtsversessene Rahmen für eine Begegnung mit einem Chris Dercon, der die Erleichterung darüber, dass es jetzt losgeht mit seiner neuen Volksbühne, eher zu spielen als zu empfinden scheint.

„Es geht jetzt nicht mehr über mich und ich habe das Gefühl, dass sie mich besser kennen als ich mich selber. Sie haben täglich, wöchentlich, monatlich über mich geschrieben, und ich habe sehr viel gelernt über mich. Es stimmt nicht alles, was sie behauptet haben, macht nichts aus. Endlich müssen wir nicht mehr über mich reden, aber über Inhalte, über Künstler. Wir müssen reden über das Programm.“

Dercon war es wichtig, in seiner einleitenden, mutwillig positiv aufgelegten Rede auch seinem Vorgänger Frank Castorf und dessen Equipe ein Reverenz zu erweisen.

„Denken sie, positiv gesagt, an die unglaubliche Rock’n Roll – Kraft, die Castorf und seine Regisseure in den letzten zehn Monaten entwickelt haben. Auf der einen Seite eine Einschränkung, auf der anderen Seite immer wieder: Whow! Huh! Das wird nicht einfach sein. Das ist ja so gut und das weiß auch das Publikum.“

Good-Cop/Bad Cop: Dercon und Piekenbrock, mal Charme, mal Zynismus

Offensichtlich wurde in der anschließenden Rede der Programmdirektorin Marietta Piekenbrock, die zuvor Dramaturgin bei der Ruhrtriennale gewesen war, dass Dercons Charmeoffensive nun von nur dürftig kaschierter Aggressivität abgelöst werden sollte.

„Man sollte vielleicht vorsichtig sein, wenn man unseren Neuanfang als eine feindliche Übernahme bezeichnet oder gar als eine Entkernung diffamiert. Das Gegenteil könnte der Fall sein. Wir möchten uns bedanken bei allen, die nachhaltig in Feindbildern, in Drohformeln, in Angstlandschaften, die in das öffentliche Drama der Skepsis investiert haben. Sie haben dazu beigetragen, dass wir unsere Idee von Freiheit schärfen.“

Die neue Leitungsequipe muss sich in einer Berliner Kulturlandschaft etablieren, in der diverse Strategien der staatlichen und städtischen Kulturpolitik und ein Regierungswechsel in ein Institutionen-Wirrwarr zu führen drohen, im dem Kohärenz verloren geht. Chris Dercon nimmt das gelassen.

„Berlin ist immer eine dualistische Stadt gewesen, mit einer Geschichte – mehr als jede andere Stadt – einer Geschichte von Konflikten, Widersprüchen und Brüchen. Die musste man immer wieder neu überwinden. Aber Berlin hat mit der Volksbühne unter anderem auch eine unglaubliche, symbolische Kraft. Mich interessiert die Kulturstadt Berlin und deswegen bin ich hier, eine Kultur zu verstärken, wo Disziplinen aufeinander reagieren können, oder interagieren, diese Kompartimentalisierung, die in Berlin herrscht, zu durchbrechen.“

Dercon will also das Spartendenken durchbrechen, die Grenzen zwischen Theater und Kunst, Tanz und Film, Internet und Musik.

„Wir wünschen uns an der Volksbühne einen öffentlichen, durchlässigen Ort, der Raum lässt für ganz verschiedene Formen von darstellender Kunst, wie Disziplinen aufeinander reagieren und interagieren können: Ein Stadttheater ohne Grenzen.“

Ein Tanzmarathon zur Eröffnung in Tempelhof

Das Stadttheater ohne Grenzen eröffnet zunächst im ehemaligen Flughafengelände mit einem großen, partizipativen Tanzmarathon, das der Konzeptchoreograf Boris Charmatz vorbereitet: 10 Stunden Dauertanz mit Volksbeteiligung. Dann inszeniert der syrische Regisseur Omar Abusaada mit weiblichen Flüchtlingen eine „Iphigenie“ von Mohammad al-Attar nach Euripides. Abusaada war mit al-Attars „While I was waiting“ im vergangenen Jahr auf diversen europäischen Festival unterwegs. Künstlerisch war die Arbeit weniger überzeugend als zeitpolitisch. Dieses eher medien- als kunstaffine Denken könnte sich hier fortsetzen.

Auf Fragen, ob man mit einem solchen Programm nicht den Berliner Festspielen sowie dem Hebbel am Ufer Konkurrenz mache, waren die Antworten ausweichend. Es war zu erwarten: Eine bisweilen pathetische Kuratorenprosa maskiert nur notdürftig den latenten Konflikt um die Zukunft der Beschäftigten und um das Profil der Volksbühne.