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Stückemarkt beim Theatertreffen 2018
Schwarmdramatik
von Eberhard Spreng

Der Stückemarkt versteht sich als Teststrecke für innovative Theatersprachen. In diesem Jahr erlebt er seine 40. Ausgabe. Aber ein Grund zum Feiern ist das nicht. Im Gegenteil: Die Reihe steckt trotz diverser Umformatierungen in einer tiefen Krise.

Deutschlandfunk Kultur – Fazit, 11.05.2018 – Beitrag hören

Die Performancegruppe Turbo Pascal

Die Performancegruppe Turbo Pascal mit ihrem immersiven Stück „Böse Häuser“ (Foto: Daniela del Pomar)

“#rage, #why, #randomconnectance, #racialprofiling…”
Willkommen in der Schwarmdramaturgie. Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sitzen im Publikum verteilt; auf dem Schoß ein Notebook oder Tablett. Olivia Wenzels „1 Yottabyte Leben“ ist eine Kollage aus der Welt einsamer digitalisierter Beziehungen. Ein Yottabyte, das sind eine Billion Terrabyte und damit, so heißt es, könne man in Zukunft das gesamte Leben aller Erdenmenschen videografieren: „Dann kannst du dir die Leben aller Menschen angucken. Dann wird Überwachung endlich zur sexy Real Life Experience.“

Olivia Wenzel greift auf den Slang der Digital Natives zurück, eine Sprache, mit der sich Menschen nur noch sagen können, was Algorithmen ihnen erlauben. Während in ihrer posthumanistischen Vision vom verzweifelten Subjekts im digitalen Schwarm die Rede ist, spaltet die israelisch-niederländische Autorin Maya Arad Yasur ihr erzählendes Autoren-Ich in eine multiperspektivische Polyphonie auf: Im Stück „Amsterdam“ kann keine der Stimmen für sich allein den Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben. „Meine nach dem Vorbild des Well-Made-Play entstandenen Versionen einer anscheinend objektiven Geschichte klangen nicht wahrhaftig, ich dachte jedes Mal beim Lesen: ‚Das ist Bullshit’. Was die Wahrheit ist, kann ich gar nicht sagen. Es ist eher ein Gefühl. Und als ich die letzte Version las, hatte ich das Gefühl, das hier, das ist meine Wahrheit.“  Es geht um eine Gasrechnung aus dem Jahre 1944, die der schwangeren jüdischen Violinistin in ihrer Amsterdamer Wohnung in die Hände fällt, ums neue rechte Denken und die Geschichte von Vertreibung und Widerstand in Amsterdam.

Turbo Pascal war im Herbst schon in den Sopiensälen zu sehen

Um vorgefasste Meinungen soll es in „Böse Häuser“ der Performancegruppe Turbo Pascal gehen, mit denen der Stückemarkt eröffnet wurde. Das Publikum wandelt in Gruppen mit Kopfhörern durch den Raum und wird von wechselnden Spielleitern angesprochen: „Reformen sind wichtig und möglich, wollen aber gut überlegt sein. Jedes meiner gesprochenen Worte bringt dich weiter und weiter in einen angenehmen Zustand der Entspannung.“ Suggestionen sollen das Publikum hier auf Pfade einer Selbsterkenntnis führen, in denen sich jeder seiner vorgefassten Ideologien bewusst werden soll. Aber das verfängt kaum: Fast keiner lässt sich in die vorgefertigten Denkräume führen, die Plattitüden greifen nicht: „Wenn ihr glaubt, Geschlecht ist vor allem eine Performance, dann tanzt mir nach.“

Zu erleben war das immersive Mitmachstückchen schon im letzten Herbst in den Berliner Sophiensälen, ist also eine simple Berliner Übernahme und die schwächste der gezeigten Arbeiten.

Regaldekor mit Performern

Charlotte Herzig und Marius Schaffter. (Foto: Simon Letellier)

Schon zwei Jahre alt ist die Schweizer Performance „Fresque“ der Gruppe Old Masters, eine junge Frau und ein junger Mann vor einer aus Holz und Schaumstoffelemente zusammen gesetzten Regalwand. „Un jour, tu dis un truc et t’as raison et là, tout s’éffondre.“ Der private Smalltalk der Beiden ist fast immer inkongruent zum Dekor: Ein Theater der für Momente komischen Sinnverschiebungen von Diskurs und Raum. Eine Petitesse, fast gedankenfrei und wahrscheinlich zu einhundert Prozent folgenlos.  Zwei der drei Performances sind fertiggestellte Arbeiten. Nur im Solo „Exodus“ der Israelin Li Lorian ist noch Entwicklungspotential erkennbar: Eine Lecture-Performance über Flucht und Vertreibung, vom Exodus aus dem pharaonischen Ägypten bis zur heutigen Flüchtlingskrise auf dem Mittelmeer. Das letzte der vorgestellten Stücke war Leon Englers surreale Farce „Die Benennung der Tiere“. „Ich glaube, dass ich unterhalb der Texte ein großer Prediger bin. Wenn ich mich selbst theoretisieren würde, würde ich Geschichten vom Mensch-Tier-Dualismus und der Beherrschung der Natur durch den Menschen erzählen und da versuche ich eben von diesem Predigerton und dieser Litanei wegzukommen durch Humor.“

Der Stückemarkt am Todpunkt

Englers hochaktuelles Thema will allerdings hinter der Maske einer pennälerhaften Witzelei und Albernheit erschlossen werden. Das Stück war im April bereits auf dem Heidelberger Stückemarkt im Wettbewerb. Macht das Sinn, oder sollte Berlin im Fall solcher Dopplungen nicht doch einer anderen Autorin oder einem anderen Autor auf der Shortlist eine der raren Chancen für öffentliche Wahrnehmung geben? Wenn schon von der neugierigen Spannung im Publikum, die früher schauspielerisch oft hoch besetzte Lesungen begleitete, nichts mehr geblieben ist, sollte man wenigstens das Gefühl haben, hier träfe neue Dramatik erstmalig auf die Ohren des Publikums. Der Berliner Stückemarkt ist in seiner 40. Ausgabe und nach mehreren Versuchen der Neuformatierung an einem Todpunkt angelangt. Es bleibt ein Problem, wenn fertige Performances, die schon aufgeführt wurden, in einen Wettbewerb gepackt werden mit Texten, die als Nukleus einer künstlerischen Entwicklung erst noch zum Leben erweckt werden sollen. Und: warum dürfen die Texte aus europäischen Ländern nur in deutsch oder englisch eingereicht werden? Die Stimmen einer „geteilten Welt“, dem Motto des diesjährigen Programms, können sich gar nicht artikulieren, wenn sprachliche Vielfalt nicht vorgesehen ist.