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Posthumanes Theater
Die Scham des Prometheus
von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 06.03.2108 – Beitrag hören

Die Volksbühne findet ihr Publikum unter der Direktion von Chris Dercon und Programmdirektorin Marietta Piekenbrock nur unter großen Schwierigkeiten. Ein Kulturbruch tritt zutage: Er heißt Posthumanismus, prägt vor allem die Arbeiten von Hausregisseurin Susanne Kennedy und verstört die Menschen im Publikum.

Zwei Männer betrachten eine nächtliche Projektion von Fotos

Foto: Eberhard Spreng

„Nicht Ich“. So hieß einer der drei späten Einakter aus der Feder Samuel Becketts, mit denen die Spielzeit an der von Chris Dercon geführten Volksbühne eröffnete: Ein Monolog als körperloses Kopftheater: Zu sehen war nichts weiter als der Mund der Schauspielerin. Der Titel „Nicht ich“ ist Programm, denn die Verneinung des Ich-Begriffs zieht sich als Leitfaden durch das Schauspielprogramm dieser Spielzeit. Vor allem Hausregisseurin Susanne Kennedy stellt das Subjekt, das Individuum in Frage. Sie versteckt ihre Akteure unter Latexmasken, lässt deren Worte vom Band einspielen, dupliziert eine Figur gleich mehrfach. Über ihr Limboland sagt die Regisseurin: „Das Subjekt ist doch kein Thema mehr. Lasst unsere Körper in tausend Bruchstücke bersten und sie sich dann selbst neu erschaffen“.

Menschen als vergehende Restgröße oder als pneumatische Maschine

Auch mit Albert Serras „Liberté“ ist der Mensch auf der Bühne allenfalls eine vergehende Restgröße, kraft- und ziellos einer verstreichenden Zeit ausgeliefert. In Claude Régys „Rêve et Folie„ bleibt vom spielenden Menschen fast nur noch die pneumatische Maschine, die Laute aushaucht, an den Rändern von Sprache und Sinn. Ein Theater der Entkörperung. Was ist der Hintergrund? Der Mensch im langsamen Verschwinden in einer posthumanen Zivilisation: Mit Nanotechnik, neuronalen Schnittstellen, Gentechnik, Reproduktionsmedizin, Computeralgorithmen. Wissenschaftler nennen diese Erweiterung des Menschen in die Welt der Maschine gerne Transhumanismus. Die Posthumanisten sehen gar das Ende der Menschheit im Zeitalter der Maschine; vielleicht unsterblich, aber dann nur noch als virtuelle Computersimulation. Hollywood hält in Bezug auf solche Zukunftsvisionen fast nur dystopische Alpträume bereit.

Let’s play! Auch ohne Menschen

Die Volksbühne hingegen will mit ihrem posthumanen Theater und vor allem Susanne Kennedys Menschen-Fragmenten die Perspektiven des 21. Jahrhundert spielerisch und ohne Kulturpessimismus erkunden. Bleibt nur die Frage, ob der Versuch, mit einer ohnehin sich durchsetzenden Technologie im Theater Schritt halten zu wollen und den Menschen beim Verschwinden zuzuschauen, emanzipatorisch oder reaktionär ist, erkenntnisfördernd oder fatalistisch.