Volksbühnenmitarbeiter-mit-offenem-Brief-gegen-Konsenskultur

Streit um die Volksbühne
Feindliche Übergabe an globale Konsenskultur
von Eberhard Spreng

Die Volksbühnenmitarbeiter richten einen offenen Brief an die Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses. Peymann appelliert an den Bürgermeister, den Vertrag mit Museumsdirektor Dercon zu kündigen – ein neues Kapitel im Streit um die Volksbühne.

Deutschlandfunk, Kultur Heute, 21.06.2016

Streit um die Volksbühne - sie wurde "verkauft"

Die Volksbühnencrew protestiert mit dem Schriftzug „verkauft“ gegen Senatspläne. (Foto: Eberhard Spreng)

Chris Dercons Ankündigungen auf der Volksbühnenvollversammlung Ende April erhärten Befürchtungen, die bereits nach der Pressekonferenz in Berlins Rotem Rathaus, in der vor gut einem Jahr Dercons Berufung verkündet wurde, in Umlauf kamen: Künstlerische Profillosigkeit, Surfen durch die Moden der so genannten Performing Arts, mehr Tanz als Theater, mehr Englisch und weniger Deutsch könnten das künftige Programm prägen. Vor allem aber auch: Mehr Distribution international vermarkteter Bühnenevents als Produktionen eigener Aufführungen. Und in genau diesem Umstand wurzelt die schlichte Sorge der mehr als 200 Festangestellten vor Entlassungen. Denn ein Haus, in dem eine schon fertige Produktion nur eben gastiert, braucht hierfür nur einen Bruchteil der Mitarbeiter. In aktiven Produktionsbetrieben arbeiten Ateliers u.a. für den Bau von Dekors.

Den Volksbühnenbau haben einst Arbeiter und Angestellte finanziert

Dass die geplante Umstrukturierung der Volksbühne ausgerechtet eines der künstlerisch profiliertesten der deutschen Theaterhäuser trifft, braucht nicht noch mal erklärt zu werden. Die so verstandenen feindliche Übernahme hat gerade an diesem Haus gewaltige kulturpolitische und kulturhistorische Beiklänge. Seine Abtretung durch den Berliner Senat an etwas, das im offenen Brief „global verbreitete Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern“ genannt wird, ist hier besonders pikant. Denn nicht einmal der Bau das Haus vor gut einhundert Jahren war eine Tat der Stadt Berlin. Aus Beiträgen von Arbeitern und Angestellten wurde er finanziert, mit dem Ziel, einen Ort zu errichten, an dem der damals herrschenden, bürgerlichen Ästhetik eine eigene, gewissermaßen proletarische Theatersprache entgegen gesetzt werden konnte. Wenn Frank Castorf in seiner letzten Inszenierung „Die Kabale der Scheinheiligen“ Molières alten Theaterkarren durch schicke königliche Zelte ersetzt, über denen das goldene Versace Emblem kreist, dann ist genau das gemeint: Die Vertreibung der manufakturbasierten Schauspielkunst durch die Verführungen einer industriellen Hochglanz-Postmoderne, die sich an Konsumenten richtet, und nicht mehr an politisch denkende Köpfe.

„Vernetzter Blödsinn“ des „Schickimicki-Staatsskretärs“

Die Volksbühnenleute kritisieren die Berliner Kulturpolitik, da sie „im Namen einer vermeintlichen Internationalisierung und Vielfalt intensiv an der Zerstörung von Originalität und Eigensinn arbeite“. Aus der Berliner CDU-Fraktion kam angesichts des Konfliktes der Volksbühnenbeschäftigten mit der Berliner Politik schon der Aufruf an den regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller, den Konfliktfall zur Chefsache zu machen. Sein Staatsekretär Tim Renner hatte bislang nicht glaubhaft machen können, hinter seiner Neu-Ausrichtung des künstlerischen Profils stehe eine kohärente Vision für die Zukunft des Hauses. „Vernetzten Blödsinn gebe es schon genug“ hatte der in einem Jahr scheidende Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann zuvor beklagt, der schärfste Kritiker des „Schickimicki“-Staatsskretärs, der in einem heute veröffentlichten eigenen offenen Brief an Michael Müller schreibt: „Einigen Sie sich mit dem Museumsdirektor Dercon und zahlen Sie ihn aus. Das kostet erheblich weniger als seine unsinnigen Pläne. Dann könnten Sie ‚unsterblich‘ sein und würden nicht als Killer der Volksbühne in die Geschichte eingehen.“

Die Affäre kocht hoch und aus den ungewöhnlich deutlichen Worten der Volksbühnenmitstreiter scheint der Mut der Verzweiflung zu sprechen, denn keiner der einhundertachtzig Unterzeichner kann damit rechnen, er könne künftig vielleicht doch noch vertrauensvoll mit der neuen Leitungsequipe unter Chris Dercon an der Volksbühne zusammen arbeiten. Hier positionieren sich Bühnenarbeiter, Bühnenhandwerker und Bühnenkünstler eindeutig gegen die Neuausrichtung eines Hauses, die sie als Kulturbruch verstehen.

Ein großer Teil des deutschen Feuilletons hat schon vor einem Jahr seine Erschütterung über die Ernennung Chris Dercons an die Volksbühne zum Ausdruck gebracht, jetzt haben sich die Mitarbeiter in ungewöhnlich klaren Worten von dem neuen Intendanten distanziert. Nun müsste eigentlich auch noch das Volksbühnenpublikum seinen Protest gegen das zu erwartende schicke Genreallerlei aus Kino, Kunst, Tanz, usw. artikulieren.