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Filmregisseur Albert Serra an der Volksbühne
Suite morbide für Sänften und Gespenster
von Eberhard Spreng

Bayerischer Rundfunk – Kulturwelt, 23.02.2018 → Beitrag hören

Der katalanische Filmregisseur Albert Serra hat in den letzten Jahren die Filmwelt mit langatmigen und minimalistischen Filmen aufgemischt. Sein „La Mort de Louis XIV“ mit Jean-Pierre Léaud in der Hauptrolle ist ein Meisterwerk und wurde zum großen internationalen Erfolg. An der Volksbühne bleibt Serra dem 18. Jh. treu und inszeniert mit seinem Stück „Liberté“ mit Helmut Berger und Ingrid Caven eine Agonie der letzten Libertins.

In verdüsterter Landschaft: Zwei Rokoko-Menschen

Foto: Román Yñan

Es ist eine äußerst verdüsterte Landschaft, in die Albert Serra ein elegisches Konversationsstück versetzt: Ein im Halbdunkel liegender Teich, umgeben von einer kleinen Anhöhe, vor düsteren Bäumen und einem dunklen Himmel. Eine reich verzierte Sänfte mit zerschlagenen Scheiben steht an der rechten Vorderbühne, mattes Licht dringt gelegentlich aus ihrem Inneren. Andere Sänften werden in der Szenenfolge immer wieder von Dienern hereingetragen und in denen sitzen mit üppigen Kostümen ausgestattete Rokoko-Menschen. Watteau als Dunkelmalerei, ein optischer Schock gleich zum Einstieg, eine in ihrem an der Malerei orientierten Realismus radikale Abwendung von gängigen Bühnenbildtrends des gegenwärtigen Theaters.

Erzählt wird von dem Versuch einiger aus Frankreich emigrierter Adeliger, die in der konservativen Regentschaft von Ludwig dem 16ten inzwischen verfemte Gesellschaftstendenz der Libertinage nach Preußen zu tragen. So spielt Ingrid Caven die verbannte Duchesse de Valselay, die gelangweilt in die Polster ihrer Sänfte gelehnt, über den Niedergang am französischen Höfe lamentiert.

„Die schlimmsten Voraussagen haben sich erfüllt. Der neue König hat die substanzlose Galanterie restauriert, die der Hof, seit dem Tod des Großen Sonnenkönigs vor sechzig Jahren, nicht mehr ertragen musste und die alle schon vergessen hatten.“

In einer der Sänften: Ingrid Caven

Ingrid Caven in der Rolle der Duchesse de Valselay (Foto: Román Yñan)

Momente wie dieser laszive Ennui gehören aber auch schon zu den Höhepunkten einer Inszenierung, die erklärtermaßen sehr genau darauf achtet, dem Theater all das auszutreiben, was gemeinhin seinen Reiz ausmacht. So wird nach dem Willen des katalanischen Kultregisseurs nicht gespielt, finden keine dramatischen Dynamikwechsel statt, vor allem ist die Diktion des international zusammengesetzten Ensembles mutwillig spannungslos und rhythmisch falsch gesetzt. Dann wird auch das sich von Szene zu Szene ständig wiederholende Hinein- und Hinaustragen der Sänften vom Premierenpublikum mit spöttischem, nur mit Mühe unterdrücktem Gelächter begleitet. Auch Helmut Berger, dem die Rolle des deutschen Freidenkers und Außenseiters Duc de Walchen zugedacht ist, hat mit drei kleinen Szenen keinerlei auratischen Einfluss auf die gewollte Monotonie der Aufführung.

„Nichts reinigt stärker als die Lust. Wie Sie wissen, ist sie die aufrichtigste unserer Regungen. Und die Eigenwilligste. Sie ist der Herr, den wir brauchen, um frei zu sein.“

Helmut Berger und Ann Göbel in einer engen Sänfte

Helmut Berger, Ann Göbel. (Foto: Ursula Kaufmann)

Am Ende der zweieinhalbstündigen Aufführung verlässt der Schauspieler, den man zuvor eher ahnen als sehen konnte, seine kaputte Sänfte, wird in die Mitte des Bühne geschleift und stirbt dort höchst beiläufig und undramatisch. Natürlich: Serra will das alles so, will den Hyperrealismus von Dekor und Kostümen und darinnen eine nur eben dahindämmernde, in Langmut und gedehnter Zeit ausharrende Menschheit. Er will keine schauspielerische Darstellung, sondern ein einfaches atmosphärisches Dasein. Wo aber in seinem vorzüglichen Film „La Mort de Louis XIV“ in ebenfalls der Dunkelmalerei entlehntem Beleuchtungsstil die Stofflichkeit des Sterbezimmers von Ludwig dem 14ten mit Händen zu Greifen war, das Flüstern der Hofgesellschaft eine intime Nähe herstellte, die minimalistische Mimik in den Nahaufnahmen genaueste Gefühlsregungen abbildete, ist hier die Chronik einer Agonie nur eine leere szenische Behauptung. Natürlich könnte auch das Theater Serras manieristische Suite für Sänften und Gespenster zu einem großen elegischen Abgesang einer sterbenden Epoche machen, aber das geht natürlich nur mit den Mitteln des Theaters und braucht, offen gesagt, eine größere inszenatorische Radikalität.

Serras Stück, in dem sich in das Deutsche auch italienische und französische Passagen mischen, kommt über die Kollage nicht hinaus. Die Diener werden sowenig zu greifbaren Menschen – wenn man schon in Serras Sinne Theaterfiguren gar nicht erwarten darf – wie die Adeligen oder die von Jeanette Spassova verkörperte Äbtissin und ihre zwei Novizinnen. Zu erfahren ist eben auch nichts über die historische Verhaftung dieser Gestalten in einer Epoche, die geradewegs auf die französische Revolution zusteuert. So bleibt das unangenehme Gefühl einer die Schauspielerprominenz zugleich ausbeutenden und lustlos zerstörenden Kulturbetriebsspekulation. Aber auch diese kostspielige Theatervernichtung passt ja bestens in die Misere der von Kurator Chris Dercon geleiteten Volksbühne.