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Das Theater und die nationale Identität
Zuschreibungen und Selbstfindungen
von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 29.11.2017

Die nationale Identität ist in Frankreich schon seit Jahren ein umkämpftes Debattenthema. Jetzt versuchen sich auch Theaterleute an der heiklen, von rechten Diskursen okkupieren Thematik. Dabei zeigen sie die ganze Bandbreite dessen, was Identität bedeuten kann, jenseits simpler, autoritärer Festschreibungen.

Das Theaterensemble als Modell der französischen Gesellschaft

Das Theater als Modell der französischen Gesellschaft in „Trois, précédé de Un et Deux“ (Foto: Eberhard Spreng)

Die Identité Française ist für die Theatertruppe „Les Chiens de Navarre“ ein Thema, dem nur mit Satire beizukommen ist. Der Titel ihrer neuen, im herrlich angeranzten „Théâtre des Bouffes du Nord“ gespielten Farce ist einem Vers der Nationalhymne entnommenen: „Jusque dans vos bras“ zeigt in diversen Gruppenszenen, dass ein gewaltiges Aggressionspotential in jedem einzelnen steckt, wenn es um die Frage der Identität geht. Dem Stoßlachen des Publikums kann man den bei diesem Thema notwendigen Stressabbau regelrecht anhören. Da sagt eine Schauspielerin: „Moi, en tant que femme…“: Sie, als Frau, will mit Burkaträgerinnen nichts zu tun haben. Und wenn immer der Mensch sagt, dass er als etwas spricht: als Frau, als Sozialist, als Mann, als Franzose, als Schwuler, dann verkrampft die Verständigung. Eine von ihren Kriegen entstellte und verwahrloste Jeanne D’Arc tritt auf, die Nationalheldin als abstoßende Pennergestalt. Dann eine Blut saufende Marie Antoinette, die sich mit einem übergroßen Charles de Gaulles unterhält. Das derbe Spiel mit nationalen Heiligtümern speist sich für den Regisseur Jean-Christophe Meurisse aus einer großen Sorge. „Die Frage drängt: Wir haben einen Notfall: Wir sind nicht mehr weit entfernt von einem Bürgerkrieg, und bei dem geht es um die Frage der nationalen Identität. Man hat den Eindruck, dass sie der Ort ist, an dem  alle Spannungen, Konfrontationen, die Debatten und der Hass zu finden sind. “

Identität ist keine Frage der Gene sondern eine der Synapsen

Auch der heute in Frankreich lebende Libano-Kanadier Wajdi Mouawad spielt in seinem neuen Stück mit der zwischen den Generationen umstrittenen Gültigkeit von identitärem Denken. Im Zentrum steht eine von Fanatismus zerrüttete Großvater-Vater-Sohn-Beziehung in einer internationalen jüdischen Familie. Dabei ist Mouawads dramaturgischer Leitgedanke in „Tous des Oiseaux“, dass Identität kein genetisches Erbe, sondern ein Lernprozess sei, keine Frage der Chromosomen, sondern eine der Synapsen. Und so verliert sich die Macht des Identitären mit der Zeit, erodiert im historischen Prozess und im Wechsel der Generationen. Soweit Mouawads Traum und Appell in neoidentitären Zeiten.

Die Biografie des Iraners Mani Soleymanlou ist der von Mouawad vergleichbar: Auch seine Familie ging in seiner Kindheit ins Exil, auch er begann im kanadischen Québec mit der Theaterarbeit. Sein Triptychon „Trois, précédé de Un et Deux“ erzählt als Monolog, dann als Dialog und schließlich in einer 35-köpfigen Gruppenszene Aggregatzustände des Identitätsbegriffs zwischen Selbstbefragung und gruppendynamischem Hexenkessel. Im Monolog entwickelt Soleymanlou anhand der eigenen Biographie den Identitätsbegriff als die notwendige Antwort des Migranten auf die ihm gestellte Frage: „Wer bist Du?“ „Je résume: l’Iran, on ma l’a arraché. À Paris, j’étais un Iranien. Á Toronto, j’étais un Français-Iranien, à Montréal, je suis un Torontois iranien-arabe monréalais qui a vécu à Ottawa et en France et aujourd’hui, on me dit : Mon gars, t’es Québécois !

Welche Identität ihm zugeschrieben wird, hängt für Mani Soleymanlou vom Ort ab. Im multikulturellen Toronto ist seine Patchwork-Identität kein Thema. Im Québec, das seine kulturelle Identität gegen das anglophone Mehrheitskanada behaupten will, bekommt sie plötzlich Bedeutung.

Erst in der Gruppe wird identitäres Denken zum gefährlichen Konfliktherd

Erst im dritten Teil mit 35 Akteuren aus diversen Hintergründen wird der Identitätsbegriff zum Werkzeug von Zuschreibung und Ausgrenzung, die jeder Betroffene nur als ungerecht empfinden kann. Man ahnt: Der Einzelne mag sich die Frage nach seiner kulturellen Identität stellen, als Akt der Selbstvergewisserung oder als Aufklärung einer verdrängten Vorgeschichte. Er kann sie auch zum Gegenstand eines produktiven Dialogs machen. Aber in der Gesellschaft, in der Debatte der Vielen, wird das Streben nach Identität zu einem bösartigen Konfliktbeschleuniger, Hassmotiv, Kriegsgrund.

Seien es Symbole der nationalen Identität wie bei den „Chiens de Navarre“, sei es, in der Geschichte einer Familie, die Frage nach der Gültigkeit der identitären Leitkultur, sei es der Wandel ihrer Bedeutung für den Migranten bei seiner Bewegung im geografischen Raum – die französischen Theaterproduktionen dieser Zeit zeigen sehr fasslich den permanenten Wandel und die Komplexität dessen, was mit dem Begriff der Identität nur am politisch rechten Rand der öffentlichen Diskurse zu einer starren Größe erklärt wird.