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Ersan Mondtag am NTGent
Ain’t no sunshine
von Eberhard Spreng

In seinem „Wunschkonzert“ von 1971 erzählt der Dramatiker Franz Xaver Kroetz in einer akribisch genauen Schilderung von den letzten Alltagsverrichtungen einer einsamen Frau vor ihrem Selbstmord. Ersan Mondtag hat diese Einsamkeit gedoppelt und mit schwarzen Akteurinnen besetzt. „De Living“ beendet die erste Saison von Milo Rau am NTGent.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 13.06.2019 → Beitrag hören

Eine doppelte Besetzung im Ritual, das zum Selbstmord führt

Foto: Birgit Hupfeld

Eine doppelte Küche: Jeweils ein Tisch mit drei Stühlen, eine Küchenzeile, ein Vogelkäfig, das Ganze in spiegelbildlicher Anordnung. Der Boden durchgängig im Schachbrettmuster ausgelegt. Einheit in der Zweiheit. An der Stirnseite thront das Bild eines Monarchen in paternalistischer Pose. Es ist Leopold der Zweite, der für die Kongogräuel verantwortlich ist, für einen blutigen Kolonialismus mit 10 Millionen Toten. Auch er ist in beiden Küchen zu sehen. Links allerdings steht auch ein gewaltiger Pferdekopf, die Nachbildung aus dem Reiterstandbild Leopolds des Zweiten im belgischen Oostende. In der rechten Küche eine schwarze Frau im blauen Kleid, genau wie das Tapetenmotiv – Baumblüte mit Meisen.

Zu einem ohrensprengenden Soundtrack, greift die Frau in der Küche zur Flasche, hört dann eine Radiosendung mit dem rückwärtslaufenden „Ain’t no sunshine“ von Bill Withers, hockt an der Wand, geht zum Spiegel, dreht schließlich den Gasherd auf und steckt den Kopf hinein. In seiner surrealistisch überformten Version des „Wunschkonzertes“ von Franz Xaver Kroetz lässt Ersan Mondtag im Theater deutlich vernehmbaren Gasgeruch verströmen, bevor eine zweite Performerin nunmehr links die Vorgeschichte der eben gesehenen Handlung aufführt, bevor diese wiederum wie im Film zurückläuft. Dann synchronisieren sich die Körperbewegungen der Zwillingsschwestern Doris und Nathalie Bokongo Nkumu bei ihren Küchenverrichtungen in einer aufregend präzisen Choreografie des Alltags. Mondtags kunstvolle Spiele mit theatraler Installation, Bilderpoesie, dem Spiel mit der Zeitparadoxie, mit Dopplung und Parallelwelt, und leicht variierender Wiederkehr des Selbstmordmotivs endet mit dem Ausbruch aus dem Zwang. Die Eine tritt ein in die Küche der Anderen, zerrt sie aus dem Gasherd, hängt Leopolds Bildnis ab, stürzt den Pferdekopf um und tritt hinaus ins Freie. Das koloniale Erbe, das hier mitschwingt, ohne dass das Theater es kurzschlüssig auf die Selbstmordhandlung bezieht, kann überwunden werden, es gibt keine Fatalität.

Mit diesem wunderbar poetischen und rätselhaften Theater der Wortlosigkeit endet eine Genter Saison, die immer wieder um Themen des kolonialen Erbes kreiste. Auch Luk Percevals Auseinandersetzung mit belgischer Kolonialgeschichte war ein Dokument der Suche nach einer neuen Ästhetik der Dekolonisierung.

"Stadttheater der Zukunft" will das NTGent sein

Foto: Eberhard Spreng

Milo Raus erste Spielzeit am NTGent wird vor Ort als Erfolg gewertet: 80% Platzausnutzung. Ca. 38 Tausend Zuschauer haben es besucht. 42 Tausend Zuschauer erreichte es bei Tourneen außerhalb von Gent, wie z.B. beim gestrigen Gastspiel von „De living“ am Berliner HAU. In der Genter Öffentlichkeit war der berühmte Regisseur sehr präsent, vor allem seine Eröffnungsinszenierung „Lam Gods“ – „Das Lamm Gottes“. Er war mit einer Produktion erfolgreich, die vorab in der Presse mit Skandalmeldungen auf sich aufmerksam gemacht hatte, um dann die diverse belgische Gesellschaft mit einem spirituellen Versöhnungsangebot zu einen. Rund um die Theaternachbildung des berühmtesten Kunstwerks der Stadt, des Genter Altars.

In Mossul werden Bilder für die Aufführung in Gent gedreht

Dreharbeiten für Aufführungen von „Orest in Mossul“ (Foto: Stefan Bläske)

Weniger überzeugte Milo Raus im Nordirak entstandener, aber auch deutlich komplexerer „Orest in Mossul“. Wie auch in den anderen Arbeiten trat dort ein gemischtes Ensemble auf, in dem sich die Diversität der belgischen Gesellschaft spiegelt. Politisch hat sich das NTGent sehr deutlich positioniert in den Konsensräumen der linken Bürgerlichkeit. Auch der Beweis, dass mit Milo Rau ein Regisseur der freien Szene ein festes Haus leiten kann, um dort Produktionsweisen zu reformieren, ist erbracht. Aber in der Frage, ob das NTGent das „Stadttheater der Zukunft“ sei, wie ein stolzer Schriftzug über dem Theaterportal verkündet, sind Zweifel angebracht. Denn die Genter Zuschauerzahlen sind im Vergleich zu einem deutschen Stadttheater in einer Stadt vergleichbarer Größe wenig beeindruckend. Der Grund sind viele Schließtage und die Tourneebetriebsamkeit des Theaters. Milo Rau versucht die Fusion von zwei grundverschiedenen Theatersystemen: Das deutsche, das lokal verortet für seine jeweilige Stadtgesellschaft wirkt, und das französische und internationale, das für seine Wahrnehmung auf Co-Produzenten und Tourneereisen angewiesen ist. Frankreich kennt es seit Jahrzehnten und dessen Theaterleute beneiden die Deutschen regelmäßig für die Potentiale des deutschen Modells. Die Suche nach dem Theater der Zukunft kann also auch am NTGent weitergehen.