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Festival in Avignon
Geschichten zu verkaufen
von Eberhard Spreng

Faustin Linyekulas „Histoire(s) du Theâtre II“ sollte ursprünglich am NTGent herauskommen. Nun zeigte Avignon diese neue Folge der von Milo Rau initiierten Reihe. Sie war die letzte Uraufführung eines im ganzen eher schwachen Festivals.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 19.07.2019 → Beitrag hören

Zwei ehemalige Tänzerinnen und ein Musiker des Ballet National du Zaïre

Foto: Christophe Raynaud de Lage/Festival d’Avignon

Ein kleines Bühnenpodest auf einer leeren Freilichtbühne, ein scharfes Streiflicht und der schwarze Schauspieler Papy Maurice Mbwiti, der eine große Glocke und ein kleines Wägelchen mit lauter Plunder mit sich führt. Mehr braucht der kongolesische Choreograf, Musiker und Geschichtenerzähler Faustin Lineykula nicht, um in seine „Histoire du Théâtre II“ einzuführen. Voller Humor wird hier die Erwartungshaltung eines weißen Publikums gegenüber Geschichten vom schwarzen Kontinents thematisiert.

„Ich bin ein afrikanischer Schauspieler und verkaufe exotische Geschichten“, erzählt Mbwiti. „Ich verkaufe Theatergeschichten, Alteisen, kaputte Straßen, Diktaturen, zerstörte Länder, Kalaschnikows, Krankheiten.“

Faustin Linyekula erinnert an die Gründung des „Ballet National du Zaire“ im Jahr 1974, übrigens auch dem Jahr seiner Geburt. Der kongolesische Unabhängigkeitspräsident und Diktator Mobuto hatte das Nationalballett als Propagandainstrument ins Leben gerufen. Die erzählten Mythen sollten die 400 Stämme des Kongo einen. Die gut bezahlten Mitglieder des Balletts waren ein wichtiges Prestigeprojekt des Diktators. Zwei der nunmehr betagteren Tänzerinnen und einen Musiker lässt der kongolesische Choreograph auftreten und ihre Lebensgeschichten erzählen. Er zeigt sie in Filmausschnitten von damals und gleichzeitig leibhaftig auf der Bühne: Der Tanz der nunmehr alten Körper hat im direkten Vergleich mit dem von früher nicht an Ausdruck verloren, er ist im Gegenteil freier geworden, unbelastet von den Erwartungen der Politik, verspielter im Ausdruck. Linyekulas kleine Arbeit ist Dokumentartheater, eine humorvolle Hommage an die Tanzgeschichte seiner Heimat, offenbart aber kaum, wie sie seine Arbeit als Choreograph beeinflusst hat.

Das Fenster ist zentrales Dekorelement und Trennlinie zum "Outside"

Ein Fenster nach draussen: „Outside“ von Kirill Serebrennikov. Foto: Christophe Raynaud De Lage / Festival d’Avignon

Eine Hommage ganz anderer Art ist Kirill Serebrennikovs Requiem „Outside“, in dem er an den viel zensierten chinesischen Fotografen und Poeten Ren Hang erinnert, der 2017 Selbstmord beging. Der unter Depressionen leidende Künstler hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Das war zwei Tage vor einem geplanten Treffen mit dem russischen Theaterregisseur Serebrennikov. Beide waren mit ihren autoritär-intoleranten Regimen durch ihren künstlerischen Umgang mit dem nackten Körper in Konflikt geraten. Hang traf immer wieder die Zensur, Serebrennikov ein kafkaesker Prozess um angebliche Veruntreuungen und ein erst im April gelockerter Hausarrest. „Outside“ ist ein zugleich trotziges und berauscht humorvolles Pandämonium, eine Revue voller Körperbilder, in denen Ren Hangs Bildsprache auf der Bühne nachempfunden wird, während einzelne Texte seine zerrisse Seelenwelten erkunden. Ein Meisterwerk in einem ansonsten über weite Programmstrecken enttäuschenden Festival. Nach einem schwierigen Start setzten Regisseurinnen und Regisseure, die man künstlerisch eher der B-Liga zuordnen würde, mit halbfertig gemachten und gedachten Arbeiten das Programm fort.

Rückkehr in eine alte Geschichte in Naomi Wallace' Stück

„La Brèche“ von Naomi Wallace. Foto: Christophe Raynaud de Lage

Aber dann gab es doch noch einen Hoffnungsschimmer. Eine relativ junge Regiehandschrift, mit einem Stück der amerikanischen Dramatikerin Naomi Wallace. Tommy Milliots Inszenierung von „La Brèche“ ist hochkonzentriertes Schauspielertheater mit einer wundervoll präzis gesetzten Ästhetik. Ein Beispiel für das, was das französische Produktionsmodell in seinen besten Momenten leisten kann.

„Bei den Proben wird an allem gleichzeitig gearbeitet: Am Bühnenbild, dem Licht, dem Ton, dem Spiel. Alles gleichzeitig“, sagt Tommy Milliot, „Ich beziehe deshalb alle Gewerke sofort in den Probenprozess ein, weil meine Regie auf Licht, auf Ton, auf allem beruht. Parallel zur Arbeit mit den Schauspielern.“

Trotz weniger Highlights konnte das Theater in Avignon diesmal nicht als sommerliche Inspirationsquelle und Denkraum für grundsätzliche Fragen aus dem Spannungsfeld von Kunst, Philosophie und Politik gelten. Das Festival blieb auch bei der in Frankreich nicht nur im Rahmen der Gelbwestenproteste laut und deutlich gestellten sozialen Frage fast völlig stumm. Positiv bleibt allenthalben zu vermerken, dass Avignon mit ungewöhnlich vielen Uraufführungen und Premieren aufwartete und dass in vielen Aufführungen die ethnische Diversität der französischen Gesellschaft sichtbar wird.