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Theater in Paris
Geschichten vom Weltverlust
von Eberhard Spreng

Mit drei unterschiedlichen europäischen Regiehandschriften beginnt das Theaterprogramm beim Festival d’Automne 2018 in Paris. Julien Gosselin, Krystian Lupa, Silvain Creuzevault. Allen dreien liegen Literaturadaptionen zugrunden. Aber es gibt zusätzlich noch eine Uraufführung von Alexandra Badeas neuem Stück.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 24.09.2018 → Beitrag hören

Ein Solo für den Schauspieler Laurent Sauvage

Laurent Sauvage (Foto: Simon Gosselin)

Er hat einen Bauernhof gekauft und er bewirtschaftet ihn, zusammen mit seiner Frau. Alle sind glücklich, auch die Kinder. Und der Mann, der glaubte, das Leben könne so dahingehen im Einklang mit seiner Vorstellung und im Einklang mit dem, was er als Kind früher einmal gelernt hat, ist zufrieden. Aber dann kommen die 70er Jahre, die europäische Agrarpolitik, das Bauernsterben und die Insolvenz: „C’était la fin d’un monde. Et ce monde, on était dedans.“

Aus der Hässlichkeit der Welterfahrung wird der Hass auf Andere

Laurent Sauvage spielt den scheiternden Bauern in einem wuchtigen, intensiven Solo. Der jüngst mit dem europäischen Theaterpreis ausgezeichnete junge Regisseur Julien Gosselin wurde bislang mit großen, epochenumspannenden Literaturadaptionen in theatralen Großereignissen berühmt. Aber auch diesen kleinen Roman, diesen Monolog der Stéphanie Chaillou inszeniert er so, dass im individuellen Scheitern immer auch das große Drama des Weltverlustes spürbar wird. Wir erleben mit dem jungen Pleitebauern, wie seine Welt plötzlich hässlich wird und wie aus dem Schmerz des Scheiterns Hass entsteht, als ein Gefühl mit quasi überindividueller, systemischer Bedeutung. „Le Père“ ist nur eines der schönen Beispiele für Selbst- und Weltverlust in der ersten Woche des diesjährigen Pariser Herbstfestivals.

Kafkas Josef K. erlebt seinen Prozess als Dissident

Der polnische Meisterregisseur Krystian Lupa zeigt den Verlust von Selbst und Welt mit Kafka und dessen Prozess als der Erfahrung einer dreifachen Entfremdung: Da ist, ganz im Sinne des Romans, Herr Josef K., der sich eines Tages einer unerklärlichen Anklage konfrontiert sieht und sich einem undurchsichtigen Prozess mit undurchschaubaren Anklägern stellen muss. Da ist aber auch ganz direkt der Autor Kafka selbst, in seiner ganzen autobiografischen Komplexität. Ihm widmet Lupa in einer gewaltigen vierstündigen Aufführung den Mittelteil, in dem ein Mann apathisch auf einem altmodischen Krankenhausbett liegt, während seine Freundinnen sich auf umgebenden Sitz- und Liegegelegenheiten fläzen. Und ein Freund: Max Brod. Das Theater ermittelt hier ganz liebevoll und elegisch, quasi als Prozess im Prozess, das Psychogramm eines Weltautors. Aber die wie somnambul dahinfließende Inszenierung hat noch einen dritten, schäbigen Gegenwartszufluss: Die neuen despotischen Regierungen z.B. Osteuropas, die Journalisten, Künstlern, Regimekritikern absurde Prozesse machen. Und so plärrt im ersten Bild im ansonsten altmodischen Dekor ein moderner Flachbildscreen mit Fernsehbildern aus dem heutigen Polen. Und eine Reihe von Menschen, denen man mit Klebestreifen den Mund zugeklebt hat, stehen vor einem Erschießungskommando.

Ein roter Leuchtrahmen fasst das Dekor ein

Krystian Lupa: „Der Prozess“ nach Kafka (Foto: Magda Hückel)

Wie Lupa aber in betörender Bildersprache das angeranzte alte Dekor mit Filmbildern überlagert, und wie er das Aktuelle andeutet ohne damit den Kafka-Stoff bis zur Unkenntlichkeit zu überschreiben, ist meisterhaft. Während Lupas großes Menschentheater das Individuum auch beim Blick auf die Epoche nie aus dem Auge verliert, wird der einzelne Mensch beim jungen Silvain Creuzevault in dessen Romanadaption von Dostojewskis „Dämonen“ ganz schnell zur Politkarikatur. Creuzevault hat bislang in eigenen Stückentwicklungen u.a. die französischen Revolutionen von 1789 und 1848 untersucht. Jetzt fahndet er, wiederum in der ihm eigenen Trashästhetik, in der Menschenseele des vorrevolutionären Russland nach Erkenntnissen im dem Verhältnis von kollektivem Veränderungswollen und individuellem Festhaltenmüssen. Bislang hat der Regisseur in nervösem, halbimprovisierten Bühnengeschwätz die Gegenwart geschreddert und ins Chaos der zersplitterten Eindrücke Theorieschneisen geschlagen mit bisweilen blitzhellen Erkenntnissen. Jetzt aber zerbröselt ihm der figurenreiche Roman zu leerem Gerede.

Badea – „Points de Non-Retour“ über ein Militärmassaker im Senegal

Am Théâtre National de la Colline behandelt Alexandra Badea den französischen Militärskandal, das Massaker von Thiaroye im Dezember 1944, als Kolonialsoldaten im Senegal ein Blutbad an ehemaligen schwarzen Kriegsgefangenen verübten. „Aujourd’hui on le sait. Comment on s’empare de cette histoire, qu’est ce qu’on fait de tout ça.“

Aufarbeitung eines Traumas

„Points de Non-Retour“ in der Inszenierung der Autorin Alexandra Badea (Foto: Simon Gosselin)

Die Autorin erkundet die Seelenlandschaften der Nachkommen der damaligen Täter und Opfer. Ihr Stück „Points de Non-Retour“ meditiert über die dunkle Macht der Geschichte, über Strategien der Verdrängung und die unausweichliche Notwendigkeit, sich den Dämonen der Vergangenheit zu stellen. Zu Beginn der Saison zeigen sich die Bühnen der französischen Hauptstadt als Orte präziser psychologischer Erkundungen.