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Herberts Fritschs Einstandsinszenierung an der Schaubühne
Kann der auch fliegen?
Von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 20.09.2017

Zum ersten Mal inszeniert Herbert Fritsch an seinem Theaterexil in der Schaubühne. Ein Abend mit Texten von Ödön von Horváth. Ein riesiges Zeppelinskelett  beherrscht als gewaltiges Sehnsuchtssymbol die Bühne. Nur fliegen kann das als Klettergerät genutzte Objekt leider kaum. Und das bei allem, was die Horváth-Clowns versuchen, und das ist wirklich sehr viel.

Fußball spielen hinter dem Zeppelin

Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritsch war immer schon für die Metaphysik des Untergangs zuständig und hat dabei als komischer Materialist auch oft genug szenenwirksam bewiesen, dass wer hoch hinaus will, besonders spektakulär und showgerecht zu Boden geht. Und der Zeppelin aus Horváths Kasimir und Karoline ist hier nur noch ein Stahlgerippe, das sich fast über die ganze Bühnenbreite erstreckt und am Boden liegt. Nur eine stattliche Anzahl von feinen Stahlseilen verspricht, dass sich diese Raumskulptur dann doch noch erheben möge, wie in Fritschs Maschinentheater eigentlich auch üblich. Vorerst aber ist der Zeppelin ein Perkussionsinstrument, mit kleinen ferngesteuerten Hämmerchen, die der Theatermusiker Ingo Günther von einem Keyboard aus kommandiert.

Dann spielt einer Fußball: Mit komischen, übertriebenen Körperbewegungen, mit etwas demonstrativen Trippelschritten. Er wird vom heranstürmenden Rest des acht-köpfigen Ensembles, das mit Fußball nichts am Hut hat, glatt umgerannt, bis sich beim dritten Umlauf der Fußball durchgesetzt hat und alle mitspielen.

Horváth gibt es nur in kleinsten Fragmenten

Bei Herbert Fritsch ist eben immer auch der Triumph der Dinge zu erleben, und der Sieg der Physik über die Metaphysik. So hängen sich also die grell und bunt kostümierten Akteure ins Gestänge des Zeppelin und turnen darin herum, wie Kinder im Klettergerüst, während sie sich dann doch das eine oder andere Partikelchen Stücktext zukrächsen.

–    Wie ist das eigentlich mit der Seelenwanderung?
–    Das ist was buddhistisches …
–    Da bin ich gespannt  
–    Man kann nie wissen.

Diese Passage wird kollagiert mit Texten aus dem Nachlass und einem von Horváths Sportmärchen, das den schaurig schönen Aufstieg des Fußballfans Hansl in den Fußballhimmel erzählt, da wo Engel in den Vereinsfarben von Ober- und Unterhaching den Ball in die Milchstraße feuern. Ein kleines Solo und Ausnahmemoment im Ensemblebild akrobatischer Zeppelingymnastik. Der hat sich nämlich jetzt dann doch ein wenig erhoben, was Gelegenheit gibt, sich mit diversen Hilfestellungen der Mitspieler nach oben zu hangeln, wobei auch Schuhsolen auf den Köpfen der Mitspieler landen. Oder man stellt sich unter das Zeppelingerüst, markiert den starken Mann und tut so, als könne man das Riesending stemmen. Mal kauern sich die Akteure wie Raubkatzen an der Mitte der Rampe zusammen, verschreckt in zwei Scheinwerfer blickend, die auf einer Schiene herbeigefahren kommen, mal rempelt man sich in den Vordergrund, mal trällert man, gegen den Lärm der Materie, Offenbachs „Belle Nuit“.

Fritsch-Akteure und Schaubühnen-Darsteller passen zusammen

Bei Horváth scheitern die Menschen und ihr Liebesverlangen immer zunächst einmal an den anderen, und nicht zuletzt an der eigenen Dummheit. Nur selten ahnen sie etwas wahres: „Man denkt, dass man wichtig ist, aber das ist ein Irrtum“, sagt Schaubühnenaktrice Jule Böwe bei ihrer ersten Mitwirkung im Fritsch-Ensemble, in das sie hineinpasst, als wäre sie immer schon dabei gewesen. Und diese Clowns mit ihrem eingefrorenem Lächeln, mit den großen, dummen Stauneaugen, diese lebendigen Fritsch-Puppen haben außer gelegentlichem Gerempel keine wirklichen Probleme miteinander, sie alle sind Sklaven einer physischen Welt, in der die Dinge herrschen, nicht die Menschen. Ganz am Ende – der Zeppelin schwebt sanft schaukelnd über der Bühne – stehen sie in ihrer Theaterskulptur wie in einem Gitterkäfig und schauen selig, bewegungslos ins Publikum. Minuten ohne Aktion, nur die sanfte Pendelbewegung, reine Physik, Isaac Newton pur und natürlich der späte Höhepunkt der Aufführung. Das halten manche im Publikum nicht aus und wollen das Aufführungsende herbeiklatschen. Und das kommt dann auch irgendwann. In Herbert Fritschs Theaterexil in der Schaubühne ist das Verschmelzen seiner Akteure mit denen aus dem Ostermeier-Ensemble gelungen. Aber ein Problem hat diese routinierte, nicht durchgängig spannende Aufführung dann doch: Fritsch hat immer wieder große Objekte über die Bühne fliegen lassen. Aber die brauchen eigentlich den Raum der Guckkastenbühne, der hier nicht zu Gebote steht. Weder ist der Himmel hoch, noch der Horizont weit genug: Es fehlt an Bühnenhöhe- und Tiefe, weshalb der Zeppelin wie eingesperrt aussieht. Immerhin das Programmheft ist als Daumenkino ausgelegt und da kann sich der Zeppelin auf dem Papier ganz frei bewegen.