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Phèdre(s) am Odéon in Paris
Isabelle Huppert im maßgeschneiderten Mythenkostüm
Von Eberhard Spreng

Ein Glanzauftritt für Filmstar Isabelle Huppert. Autor Wajdi Mouawad verband Racines Tragödie mit Sarah Kanes „Phaidras Liebe“, „Elisabeth Costello“ des südafrikanischen Autors John Maxwell Coetzee und einen eigenen Text zu einem schillernd facettenreichen Mythenmix. Krzysztof Warlikowski inszeniert „Phèdre(s)“ kunstvoll und bildgewaltig.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 16.03.2016

Projektionen überall: Die der Seele und die der Bilder

Phèdre und Hippolytos gespielt von Isabelle Huppert und Gaël Kamilindi (Foto: Pascal Victor)

Das Abbild eines coolen Stars flammt auf der Bühnenrückwand auf. Lange strohblonde Haare, knallroter Lippenstift, große Sonnenbrille. Darauf ein Schriftzug : Beauté steht da in radikal unverschnörkelten Buchstaben, so als wäre es eine Reklamewand, von Chanel etwa. Der Star ist Isabelle Huppert; ihr Regisseur lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass man sich dem großen Mythos und der großen Figur der Phädra nur nähern kann über das Bild und die visuelle Verführung. In der Folgeszene wird Cruauté, Grausamkeit, über ähnlich schönen Bildern auftauchen, dann Innocence und Pureté, Unschuld und Reinheit, mal auf dem in zeitlos schönem Schwarz-Weiss videographierten Körper des schwarzen Gaël Kamilindi, mal über dem Bild der Liebenden Phädra und Hippolytos. Diesen ersten Teil der Aufführung hat der libanesisch-kanadische Autor Wajdi Mouawad als Annäherungen an den Mythos in eine Folge von Allegorien gefasst. Zu Beginn beklagt denn auch Isabelle Huppert alias Aphrodite in einem gelangweilt lakonischen Monolog, wie aus der heißen, urmächtigen Vereinigung von Gaia und Uranos dann doch nur eine Welt entstand mit Autos, Boutiquen und Supermärkten. Und alles, sagt sie, sei ihrer Gebärmutter entsprungen, in einer weiblichen Odyssee, einem weiblichen Begehren, das Hippolytos ablehne: “Il me méprise avec suffisance et me considère, moi, Aphrodite, comme une pute de luxe, une salope, une chienne en chaleur. Il me dénigre et refuse l’idée qu’il puisse exister une liberté qui ne s’acquière qu’à travers l’exaltation des corps.“

Die Akteure mitten im Strom einer mythologischen Verwandlung

Aphrodite, so will es der Mythos, habe Phädra verzaubert und daher sei diese in Liebe zu ihrem Stiefsohn entbrannt. Verschiedene  Aspekte dieser Geschichte und literarische Bewältigungen versammelt dieser lange, schillernd facettenreiche Abend. Bei Mouawad verändern sich die beiden zentralen Figuren ständig, dem Strom einer mythologischen Verwandlung folgend. Hippolytos ist hier ein Außenseiter, der nachts durch die Straßen zieht und nicht an die formatierte Befriedigung der modernen Glücksindustrien glaubt. Ein Bild mehr als eine Figur, halb Hund, halb Mensch, ein schwarzer Körper als Projektionsfläche des Begehrens, gegen den Phaidra nach dem Liebesakt das Messer zückt. Dann aber, nach Wajdi Mouawads mythenverliebtem ersten Teil, beginnt mit Sarah Kanes Phaidras Liebe die seelische Höllenfahrt der verliebten Königin. Ein Glaskubus fährt von rechts auf die Bühne, in ihm spielt ein dicker, ungepflegter und sexsüchtiger Hippolytos mit einem ferngesteuerten Modellauto und glotzt nächtelang Gewaltvideos. Zu mehr als Oralsex mit der Stiefmutter Phädra wird es in dieser brutal wohlständigen, brutal kalten Welt nicht kommen und dann demütigt er seine Stiefmutter mit der Neuigkeit, er habe auch mit deren Tochter Strophe Sex. Promiskuität und Inzest in der Patchworkfamilie – Kanes gnadenlose Abrechnung mit der Urkraft Eros braucht ein versöhnlicheres Ende. Und mit Elisabeth Costello des südafrikanischen Autors John Maxwell Coetzee kann die Huppert dann auch noch eine ganze andere Variante der weiblichen, erotischen Selbstbestimmung auf die Bühne bringen: Das der erfolgreichen Schriftstellerin mit den ziemlich speziellen Fragestellungen. Z. B. mit dem Thema: Wie ist das mit dem Sex zwischen Göttern und Menschen? “Eros et Thanatos. Les dieux, les immortels, qui furent les inventeurs de la mort et de la corruption, à une ou deux exceptions remarquables près, Prométhée et de Jésus… n’ont pas eu le courage d’essayer leurs inventions sur eux-mêmes. C’est pourquoi ils sont aussi curieux de nous et qu’ils ne cessent pas de nous espionner. Nous trouvons que Psyché est une petite sotte trop curieuse, mais pour commencer que faisait un dieu dans son lit ?“ Mit dem etwas hastigen, schnoddrig hingeworfenen Vortrag und ihrem leicht herablassenden Lächeln zum Fragesteller auf der Vorderbühne findet die Diva quasi zu ihrem Grundsound zurück, zu einer Spielhaltung, die sie in zahllosen Filmrollen schon abgeliefert hat und die auf der Bühne des Odéon zur großen Freude des Publikums den knapp einstündigen Abschluss eines langen Abends bildet.

Traum und tragische Wirklichkeit vermischen sich für die Titelheldin

Isabelle Huppert und Nora Krief (Foto: Pascal Victor)

Vor allem eins brennt sich ins Gedächtnis, allerdings ein wenig auf Kosten der Nebenfiguren: Der ungeheure Variantenreichtum ihres Spiels, die schnellen Wechsel nicht nur stimmlicher Register. Sie ist Göttin als herrlich gelangweilter und lakonischer Star und Königin als grässlich unter der Liebensaffäre leidende Frau. Sie kann sich wohlig in Verzweiflung wälzen, dann jämmerlich klagen, laut aufbrausend protestieren und mit maliziösem Charme ihre Interesse verfolgen: Nie sah man die Huppert so schillernd vielfältig, selten solch meisterhafte Beherrschung ihrer Mittel. Krzysztof Warlikowski hat ihr einen Abend auf den Leib geschneidert, der zwar dramaturgisch etwas rätselhaft um ein Thema mäandert, sie aber mit einer ungeheuer schicken, kunstvollen Bildwelt umkleidet. Kurz ist am Ende auch noch Racine zu hören, der große Phädra-Versteher. Aber Worte sind es im Grunde nicht, mit denen der Regisseur den alten Mythos anruft. Für ihn fällt er zusammen mit dem Glanz des Filmstars, ist Bild im Bild. Phädra, der Enkelin des Sonnengottes ist hier ein Denkmal errichtet, eines aus Photonen.