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„Opening Night“ mit Isabelle Adjani
Die gejagte Diva
von Eberhard Spreng

John Cassavetes hatte 1977 in seinem Film „Opening Night“ die Geschichte eines alkoholabhängigen Stars erzählt. Dereinst gab Gena Rowlands diese Myrtle Gordon, improvisierte, spielte die Theaterkollegen an die Wand. Nun spielt Filmstar Isabelle Adjani auf der Bühne die zentrale Rolle einer Frau in der Krise der Selbstdefinition und wird zum Opfer eines unmöglichen Projekts: Das Alter besiegen.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 12.03.2019 → Beitrag hören

Der Filmstar Isabelle Adjani in "Opening Night"

Isabelle Adjani, geplagt von Gespenstern (Foto: Simon Gosselin)

„Allez, on commence, cinq minutes. Ca va, chérie ? Ça va, on accroche les costumes. On fait au mieux, parce-qu’il faut plaire au public.“

Ein typisches Making Of: Der Regisseur gibt Anweisungen, in der Maske wird gescherzt. In der theaterüblichen, ob des Lampenfiebers künstlich aufgesetzten Lockerheit. Die Equipe hat Stress, denn Hauptdarstellerin Myrtle kommt mit ihrer Rolle nicht klar und blockiert den Probenprozess. Auf der Seitenbühne lässt Cyril Teste die kleine Szene ablaufen, gibt selbst Anweisungen, bevor er an das obere Ende des Zuschauerraumes verschwindet und die Regie einem Schauspieler überlässt, der von nun an den Regisseur verkörpert. Und der ist mal auf der Bühne zu sehen, mal neben einer der ersten Reihen im Zuschauerraum. Auf der Bühne selbst ist vor einer breiten Milchglaswand ein großes Regal installiert, eine breite Couch, ein Tisch mit Stühlen. In der Mitte eine Leinwand, die in der kurzen Aufführung zum Spiegel wird für die von Visionen geplagten Diva.
–    „Comment tu t’apelles?
–    Nancy.
–    Tu as quel age ?
–    17 ans. Je vous aime. Un autographe. Vous voulez bien signer, s’il vous plait ? “

Der Geist der vor ihren Augen bei einem tragischen Verkehrsunfall getöteten Autogrammjägerin Nancy peinigt den Star. Nancy ist der Spiegel der eigenen unwiederbringlichen Jugend und wird in Testes Aufführung von Adjanis Nichte Zoé gespielt. Myrtle, der berühmte Theaterstar, lebt in der Revolte gegen das Älterwerden. Während ihre Theaterkollegen sie auffordern, das Alter ihrer Figur zu akzeptieren, behauptet sie trotzig ihre Unabhängigkeit von der äußeren Alterzuschreibung, das individuelle Alterserleben gegen das soziale Alter, die innere Wahrnehmung gegen das äußere Erscheinungsbild. In Frankreich hat kein Star den Kampf gegen das äußere Altern so erbittert geführt wie Isabelle Adjani. Die 63-Jährige strahlt mit ewiger Jugend von den Titelseiten der Illustrierten; nun aber findet sie den Mut, das geliftete, verheulte Gesicht in Großaufnahme vor eine kleine Kamera zu halten, die scheiternde Maske eines unmögliches Projektes.

„Meurtrier, si tu veux voir quelque chose mourir, c’est seulement ça qui te rends heureux.“

Filmregisseur Cassavetes interessierte das Theater; Theaterregisseur Teste interessiert der Film

Filmregisseur Cassavetes interessierte das Theater, Theaterregisseur Teste interessiert der Film (Foto: Simon Gosselin)

Cyril Teste, der das Nebeneinander von Schauspieler und schwarz-weißem Filmabbild auf der Leinwand meisterhaft beherrscht, hat die figurenreiche Geschichte von Cassavetes „Opening Night“ auf ein paar Figuren zusammenschnurren lassen. Er zeigt die Schlacke, die in der Kulisse bei der Herstellung von Theater anfällt, die Welt abseits der glanzvollen Auftritte. Cassavetes aber hatte in seinem zweieinhalbstündigen Film auch Myrtles schauspielerische Eskapaden und Improvisationen ausgekostet, mit denen sie ihren Schauspielpartnern das Bühnenleben schwer machte. Dass wir dies nun von Isabelle Adjani nicht geboten bekommen, lässt vermuten, dass der mehrfach mit dem französischen César ausgezeichnete Filmstar auf der Bühne nicht so gut aufgehoben ist. Und das obwohl Adjanis früher Erfolg genau hier stattgefunden hatte: Als sie siebzehnjährig an der Comédie Française die Ondine und die Agnès spielte, glühten die Bretter. Jetzt aber wirkt ihre Gestik summarisch, ihr Ausdruck konventionell. Ein Spannungsverhältnis zwischen der Actrice und ihrer Figur will sich nicht herstellen und damit ein zentrales Thema der Stückvorlage. Cyril Teste hilft mit Bild und Ton nach fürs Herstellen von Filmstimmungen.
„Nous entendant un bruit enregistré de voiture: gros plan sur Maurice, il lui parle.
–    Tu sait, j’étais très amoureux de toi.
–    C’était quand ? Il y a longtemps. Quelle époque. Mon Dieu dans quel état je suis, je ne peux pas continuer.“
Cassavetes Film war dereinst ein kommerzieller Misserfolg und auch wer ihn heute sieht, erkennt deutliche dramaturgische Schwächen, fehlende Figurenentwicklungen etwa rings um eine brillante Gena Rawlands. Die Schwächen der Vorlage schlagen durch in Cyril Testes kurzem Resümee um einen Star und seine Gespenster. „Opening Night“, das als das große  Theaterereignis der französischen Saison gehandelt wird, macht aus seiner Not eine Tugend, will, dem Plot entsprechend, als Work-in-Progress verstanden werden, als ewige Probe. Mal sehen, wie das in einigen Monaten bei der „Last Night“ aussieht, bei der Dernière, der letzten Aufführung.