Lars-Norén-Poussière-an-der-Comédie-Française-uraufgeführt

Lars Norén an der Comédie-Française
Man spielt nicht mit dem Tode
von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk Kultur – Fazit – 12.02.2018 → Gespräch hören

Seit über dreißig Jahren treffen sich vier Frauen und sechs Männer immer einmal im Jahr in einem einfachen Ferienhotel an einem schäbigen Strand. Jetzt sind sie alt, und einer nach dem anderen verschwindet auf immer. Der heute 73-jährige Lars Norén hat auf das Alter gewartet, um sich mit den letzten Dingen zu beschäftigen. Sein Stück „Poussière“ hat er selbst an der Comédie-Française uraufgeführt: Ein Abschiedkonzert, oder wie es der Autor  im Untertitel nennt: Eine Totenmusik.

Der Tod hat sein Tagewerk beendet

Foto: Brigitte Enguérand

Vielleicht ist der Tod ein verspieltes Kind, das sich einem auf den Schoß setzt, einem von hinten die Augen zuhält und selig grinst, eins, das den Staub durch die Hände rinnen lässt, lacht und einen dann doch zart zum Ausgang führt, dahin, von wo es kein Zurück ins Leben gibt. Françoise Gillard spielt dieses Kind, oder genauer: diese zurückgebliebene Tochter von einer der vier alten Frauen, die sich zusammen mit den sechs alten Männern einen kleinen Urlaub in einem billigen Ferienhotel leisten, über ihre Wehwehchen, Zipperlein, das schlechte Essen und die bettelnden Einheimischen schwadronieren, sich mit ihren Ticks und Macken auf die Nerven gehen und doch nicht voneinander lassen können, obwohl sie sich eigentlich immer fremd bleiben. Der alte frustrierte Arbeiter, der in seinem verflossenen Leben keinen Sinn erkennen kann, schikaniert seine Frau, die sich in diesem Leben ohne Liebe eine geheimnisvolle Autonomie, eine heitere Seinsergebenheit erhalten hat. Dominique Blanc begeistert in der Rolle der Figur „B“, sie hat sowenig einen Namen wie all die anderen Alten, die den Sprachfluss nie abbrechen lassen.

–    Manchmal laufe ich einem Menschen über den Weg, von dem ich dachte: er sei tot, und plötzlich ist er da, aber ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Oder man denkt an einen, der seit Jahren tot ist und man fragt sich, wo ist er denn geblieben?
–    Ja, so als wäre man in einem Saal mit lauter Leuten in unserem Alter und einer nach dem anderen verschwindet, ohne dass man es merkt, so als hätte man sie gerufen oder ausgewählt, je nach dem wie man das sieht… und da merkt man: Es kommt näher, bald ist man selbst der Reihe zu gehen.

Der Tod, ein zurückgebliebenes Mädchen

Foto: Brigitte Enguérand

Da ist aber auch der Mann, der einmal in einem Tierheim einem alten, früher einmal bissigen Köter einen würdevollen Tod ermöglichte, oder einer, der die Asche seines verstorbenen Hundes mit sich trägt – ein Motiv, das entfernt an Noréns „Dämonen“ von 1984 erinnert. Von früher ist viel die Rede, von verhinderten Liebesgeschichten, von der uneingelösten Hoffnung auf das Glück und von Kindern, die früh gestorben sind. Lustig ist das bisweilen, weil sich Norén auch Witze nicht verkneift: „Das Sterben dauert hier ja noch länger als in einer Oper“, ist zu hören.  „Poussière“ ist ein chorisch angelegtes Endspiel für Zehn; für zehn kleine Rentnerlein: Plötzlich fehlt der erste, dann der zweite, dann die dritte. Hinter einer Gaze auf der Hinterbühne tauchen sie dann auf, im Totenreich. Alle dorthin entführt von dieser wunderbaren kindlichen Zauberin, die mit ihrer debilen Sprachlosigkeit und ihren unschuldigen Scherzen stets mehr Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zieht als die allzu gleichförmig parlierenden Sprachbeherrscher. Noréns Inszenierung fehlt es an Momenten der Stille, auch an dynamischen Wechseln. Am Ende, wenn nur noch drei Lebende auf der Vorderbühne sind – und unter diesen die Mutter der zurückgebliebenen und als einzige mit Namen versehenen Figur „Marilyn“ – dann stülpt ihr die Mutter eine Plastiktüte über den Kopf und erstickt die Sprachlose, tötet also den Tod. Gleichzeitig fällt die Gaze, die Trennung von Tod und Leben und das Endspiel ist vorbei. Lars Norén letztes Stück dürfte „Poussière“ eigentlich nicht sein, eher ein erster, abgebrochener Tanz mit dem Tod.