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Lepages „Kanata“ in Paris
Du sollst dir ein Bildnis machen
von Eberhard Spreng

Im Sommer 2018 stand die Produktion vor dem Aus. Nachfahren der indigenen Bevölkerung Kanadas waren gegen ein Projekt des frankokanadischen Regisseurs Sturm gelaufen, der von ihrer Geschichte erzählen wollte, ohne sie in die Arbeit einzubeziehen. Jetzt ist die Arbeit doch noch herausgekommen, eine Co-Produktion mit Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 16.12.2018 → Beitrag hören

Lepage probt mit dem Ensemble des Théâtre du Soleil

Robert Lepage während der Proben zu „Kanata“. (Foto: Michèle Laurent)

Ein Ausstellungsmacher streift zusammen mit einer Konservatorin durch die Bestände eines kanadischen Museums. Er möchte ein Bild von Joseph Légaré zeigen, einem Maler des 19. Jahrhunderts. Der hatte 1840 eine Häuptlingstochter porträtiert. Und gute zwei Stunden später in Lepages Stück „Kanata“, wenn Mirandas Porträt in den Blick kommt, das sie von einer befreundeten, sich prostituierenden Heroinabhängigen gemacht hat, wird man ihr den Vorwurf machen, sie habe der autochthonen Bevölkerung, die man früher einmal, politisch – nicht korrekt – Indianer nannte nun auch noch die Tränen der Trauer genommen. Miranda hatte sich für eine Porträtserie voller Mitgefühl auf eine marginale Gruppe von Drogenabhängigen auf der Hastingstreet in Vancouver gestürzt. Lepages emblematische Szene vom Anfang und seine dramatische Konfliktszene vom Ende konvergieren in einer Frage: Darf ich mir ein Bild machen? Dem berühmten Grundlagenwerk über den durch kulturelle Konzepte vorfokussierten Blick auf den Fremden, gemeint ist Edward Saids legendärer „Orientalismus“, stellt Lepage nun einen „Okzidentalismus“ an die Seite, einen Blick auf den fremden Westen der autochthonen Bevölkerung in der Provinz British Columbia.

Miranda und Ferdinand in Vancouvers Wunderland

Die frankophonen jungen Leute Miranda und Ferdinand – diese Anspielung auf das Paar in  Shakespeares „Sturm“ bleibt etwas rätselhaft – wollen in Vancouver ein neues Leben anfangen, er als Schauspieler, sie als Malerin. In diesem Setting sind zahlreiche Begegnungen möglich: Mit der geschäftstüchtigen Chinesin, die ihnen ein teures Loft vermietet, mit einer engagierten Sozialarbeiterin, die dafür sorgt, dass die zahlreichen Heroinsüchtigen wenigstens mit sauberen Spritzen versorgt werden, mit Polizisten, die eine Mordserie aufzuklären haben. Zahlreiche junge Frauen aus der Szene sind ermordet worden, bislang allesamt Autochthone. Ganz bildhaft ist der Mörder der prostituierten Drogenabhängigen übrigens ein schmieriger, aber reicher weißer Schweinebauer, eine etwas heftig geratene Ausgeburt an Bösewichtigkeit. Das Drogenschicksal der Autochthonen sei eine Folge der Tatsache, dass man sie ihren Familien entrissen und in Pensionaten aufgezogen habe, in kultureller und emotionaler Entwurzelung, erklärt das Theater. Lepage ist eindeutig: Er verurteilt die, wie er sagt: sadistische, von Missbrauch geprägte Umerziehungspraxis der christlichen Kirchen, die bis 1996 angedauert hatte. Theater als Geschichtsreiseführer: Auch über die chinesische Masseneinwanderung nach dem Opiumkrieg aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird erzählt. Lepage will viel auf einmal: Vancouvers Geschichte mit exemplarischen Schicksalen erzählen, und mittendrin ein Paar von Zugereisten. Im Stress des Kulturschocks trennen sie sich.

–    Moi je me barre.
–    Mais c’est ça, barre-toi
–    Ben, vas-y plonge, mais sans moi.

Ferdinand war als Schauspieler in Vancouver gescheitert. Miranda setzt ihre Reise ins Herz der fremden Kultur mit einem jungen Mann fort, einem Nachfahren der Huronen, der das Elend der autochthonen  Bevölkerung seinerseits mit der Filmkamera dokumentiert. Lepage hat eine lehrstückhafte Botschaft: Wer sich einer fremden Kultur mit Empathie und Engagement annähert, wer sich in sie auch emotional vertieft, wer sich fundiert ein Bild macht, der darf als Künstler auch ein Bildnis anfertigen. Die Aufführung, im Ganzen eine nicht durchgängig gelungene Fusion aus Lepages poetischer Bildmagie mit der Melodramatik des Mnouchkine-Ensembles, macht aber noch etwas anderes deutlich: Die Dramaturgie der öffentlichen Debatte um „Kanata“, wie sie im Sommer losbrach, folgt einer anderen Logik als der des Theaters. Der Streit schien in der reibungslosen Aufführung wie weggeblasen. Hier eignet sich kein weißer Mann so einfach die Kultur der Autochthonen an. Er fragt sich mit Miranda allenfalls, ob er an der Trauer über die erlittenen Qualen der Unterdrückung teil nehmen kann und an welche Grenzen Empathie stößt.

Die Grenzen der Empathie

„Si je ne suis pas des vôtres…
Wenn ich nicht zu euch gehöre, wer bin ich dann? Wenn ihr nicht wie ich seid, wer sind wir dann als Menschen? Ihr seid alle in einem Kreis gefangen, den keiner verlassen und in den keiner eintreten darf.   … n’a droit d’entrer.“

Mirandas Appell an die universelle Bedeutung des Leidens der Autochthonen und gegen die identitätspolitische Segmentierung der Menschheit muss scheitern. Aber Lepages Konflikt mit der kanadischen Urbevölkerung  bleibt bestehen: Kein Kompromiss und kein Argument kann ihn auflösen. Die Uraufführung von „Kanata“  kann den Vorwurf der kulturellen Aneignung deshalb weder entkräften noch belegen und jeder darf das Théâtre du Soleil mit denselben Überzeugungen verlassen, mit denen er es betreten hat.