Michael Thalheimer – Der eingebildete Kranke

Michael Thalheimer inszeniert Molières eingebildeten Kranken

Verdirb ! Molière !

Molière trifft auf Gryphius. An der Schaubühne führt diese Paarung zum Verschütten von viel Körperflüssigkeiten in einer weiß gekachelten Vorhölle.

Von Eberhard Spreng

Bayerischer Rundfunk – 19.01.2017 → Beitrag Hören

Renato Schuch, Ulrich Hoppe, Peter Moltzen, Jule Böwe, Regine Zimmermann. (Foto: Katrin Ribbe)

Ein weißes Karree, voll gekachelt, mit einem Rollstuhl in der Mitte. Auf dem sitzt Peter Moltzen und sorgt von Anfang an für forcierten Ekel. Er sprüht sich aus Plastikflaschen die widerlichen Tinkturen in den weit geöffneten Mund, die ihm der geliebte Doktor verschreibt. Eine davon ist blutrot und nachdem der eingebildete Kranke sie wieder ausgekotzt hat, versprüht er den Rest an der Rückwand seines kleinen Krankenzimmers.

Die Klänge eines Orgelvorspiels werden, zerlegt und variiert, den gesamten Abend begleiten. Sie sorgen für einen elegisch-melancholischen Grundton, der ein grelles, heftiges Geschehen begleitet. Sie sind so der musikalische Subtext einer Aufführung, der Thalheimer aus dem Munde des Argan einige Worte aus dem lyrischen Gesicht „Die Hölle“ des barocken Dichters Andreas Gryphius voranstellt. „O Mensch verdirb, um hier nicht zu verderben.“

Grölen in der Vorhölle

Es ist also eine deutsche barocke Vorhölle, in die Molières Komödie gekleidet werden soll und in dieser Vorhölle grimassieren fratzenhafte Kreaturen. Der Protagonist kotzt, rülpst, grölt, seine Tochter Angélique steht mit verzerrten Gesichtszügen am linken Rand des weißen Räumchens, rechts präsentiert Dienerin Toinette dem Publikum recht lang die beschissene Windel, die ihr der von seinen permanenten Einläufen inkontinent gewordene Argan überreicht hat. Gerne erführe man von Michael Thalheimer und seinen Akteuren etwas über den somatischen Narzissmus dieses Mannes, der ein durchaus zeitgemäßes Thema – das Ego in der Selbstbetrachtung – als rein körperliches Abenteuer erleben möchte. Und gerne begriffe man, warum dieser an Körperflüssigkeiten so eklig-großzügig ausufernde Mensch zu so vehementer Konstipation neigt, wenn es um die materielle Fürsorge für seine Tochter Angélique geht, die er am liebten enterben würde. Derweil wartet seine zweite Frau Béline nur noch auf seinen Tod, um sich an sein Geld heranzumachen. Jule Böwe spielt sie als barbusige Marquise. Sie zu decouvrieren, hat sich der Bruder des Hypochonders vorgenommen, mithilfe der von Regine Zimmermann gespielten Dienerin. Er solle sich tot stellen, um die Reaktion der Béline zu testen. Und während Argan sich wie ein toter Käfer mit starren Gliedmaßen auf die Seite wirft, grapscht die ob des vorgetäuschten Todes ihres Mannes hoch erfreute Béline in seine Hose und kramt den Beutel hervor, der zuvor so augenfällig prominent vor dessen Gemächt verstaut war.

Der Bruder des eingebildeten Kranken: Ein Wiedergänger

Eine ganz besondere Schauerlichkeit hat sich Thalheimer für den die Wahrheit in ihr Recht verhelfenden Bruder Béralde ausgedacht. Kai Bartholomäus Schulze hat man wie eine Mumie verpackt, ein zudem auffällig blutender und sich vor Schmerz krümmender Wiedergänger, der mit gruselig geschminktem Gesicht aus Gryphius Vorhölle in die Gegenwart zurückgekehrt zu sein scheint, um dem Glück der Nichte aufzuhelfen. Er ist zugleich Bruder Tod und Entlarver: Bruder Krankheit, also die Verkörperung all dessen, was der eingebildete Kranke in seiner koketten Selbstsucht nur zu sein vorgibt.

Eine lustig leerlaufende Bühnebildidee ist das Herein- und Herausschaukeln des kleinen Krankenräumchens, das hinter einem ebenfalls weiß gekachelten Portal zur Seite geschwenkt und hinter schwarzen Vorhängen verschwinden kann, z.B. um die Akteure auf- oder abtreten zu lassen. Das sieht putzig aus und soll, wie immer im Thalheimerverfahren, das Stück auf eine Bildmetapher eindampfen und einschwören. Die Kostüme sind allesamt rasch verdreckte Rudimente einer barocken Pracht, so als wären sie aus einer Freakshow zusammengesucht. Dass sein Versuch, die französische Komödie mit Andreas Gryphius und der düster deutschen Variante der ewigen Pein zu fusionieren, wohl nicht aufgehen würde, muss Thalheimer in den Proben früh gemerkt haben. Und so sieht seine Inszenierung so aus, als wolle er permanent auf Molière eindreschen, um ihn dafür zu bestrafen, dass ihm das Lachen der Erkenntnis ob des Elends der Schöpfung nicht vergeht. Am Ende spricht Peter Moltzen noch mal das Gryphius-Gedicht „Die Hölle“, sehr getragen, wie ein Pfarrer am Totensonntag. Aber da hört schon längst keiner mehr zu. Wie sehr hingegen der französische Klassiker dereinst der Wahrheit vom Spiel mit dem körperlichen Gebrechen gekommen war, weiß man. Molière spielte damals die Hauptrolle, viermal, dann raffte ihn der Tod dahin.