Michael-Thalheimer-isnzeniert-Macbeth-am-Berliner-Ensemble

Müllers Macbeth am Berliner Ensemble
Eine Farbe: Rot
von Eberhard Spreng

Heiner Müllers Version des „Macbeth“ setzt nicht auf den okkulten Grundton der Shakespearschen Vorlage, sondern auf blutige Gewalt und grausiges Mordgeschehen als Kalkül einer kruden Herrschaftslogik. Michael Thalheimer inszeniert dies als theatrale Installation mit einförmiger Ästhetik.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 30.11.2018 → Beitrag hören

Katrin Wehlisch als blutüberströmte Hexe

Foto: Matthias Horn

„Was kommt in Blut?“ Das sind die ersten Worte in Heiner Müllers Fassung des „Macbeth“ und die sind in Michael Thalheimers Inszenierung wörtlich zu nehmen. „In solchem Kleid“, so der Text weiter, „steckt Nachricht wies dem Aufstand geht“. In diesem, nämlich dem Blutkleid, steckt der Abend am Berliner Ensemble von der ersten Minute an. Über und über mit Blut beschmiert, schleicht die nackte Kathrin Wehlisch aus der Finsternis der Hinterbühne nach vorne, wo König Duncan steht; sie umarmt ihn lasziv und greift ihm an die Hose. Blut, Sex und Macht waren also immer schon die Kräfte, die die Menschen umtreiben. Und sie sind es, lange bevor der Königsmörder Macbeth und seine ehrgeizige Lady die Bühne betreten.

Zum grollenden Unheilston von Bert Wredes Soundtrack blicken wir in eine diesmal der Finsternis überlassene Bühnenwelt des Olaf Altmann. Da tauchen Fabelwesen auf, die der Menschenwelt entrückt sind und gefangen in einem kollektiven Gewaltwahn, dem diese Inszenierung atemlos folgt. Sie entspricht damit dem Projekt von Heiner Müller, der sich für finstere Mächte von Hexenzauber und Witchcraft weniger interessierte als für die Logik des kalkulierten Terrors im Herrschaftsgebäude der Menschen. Müller lässt auch Bauern massakrieren, was Thalheimers Bluttheater wirkungsmächtig auf der Vorderbühne ausführt. Auch wenn gedungene Mörder Banco den Garaus machen, betreten sie praktischerweise gleich in Schlachthausschürzen die Bühne. Hier also „kommt alles in Blut“, bis auf die von Constanze Becker gespielte Lady Macbeth, der zumindest für ihren ersten Auftritt ein makelloses dunkelgraues Abendkleidchen vergönnt ist:
„Ich hätte, im
Gesicht sein Lächeln, aus den beinlosen Kiefern
Gerissen meine Brust und das Gehirn
Ihm ausgeschlagen, hätt ich so geschworen
Wie du geschworen hast dies.“

Macbeths privater Blutrausch innerhalb eines brutalen Systems

Schnell verliert diese Lady Macbeth nach vollzogenem Königsmord an Duncan und nach der Krönung des Macbeth den Einfluss auf ihren Mann. Sascha Nathan hat die einigermaßen komplizierte Aufgabe, in dieser von vorn herein von bösem Irrsinn geprägten Aufführung den Protagonisten zu verkörpern. Also die systemische Blutherrschaft mit besonderer individueller Blutsucht noch zu toppen. Er hechelt, keucht, jammert, brüllt, quäkt und windet sich in einem kindlichen Wahn, der entfernt an Peter Lorre in Fritz Langs „M“ erinnert. Wie dieser Kindermörder nimmt auch Nathans Macbeth Unzurechenbarkeit für seine Taten in Anspruch.
„Du kannst nicht sagen, ich tats. Tat ichs nicht.
Mit meiner Hand nicht das. Nicht gegen mich
Schüttle den Helm, gestrickt aus deinem Blut.
Du tauschst den nicht mehr gegen meine Krone.
Geh zu den Würmern. Dort warte auf mich, Freund.“
Wenn Macbeth in der zentralen Bankettszene mit dem Geist des hingemordete Rivalen Banco zu kämpfen hat, dann ist dies hier ein nunmehr grün getünchter Tilo Nest, der ihm auf dem Nacken liegt, mit stieren Augen, ein Satyr, kein Toter, sondern ein irr blickender Halbgott der sinnlosen Entgrenzung.

Theatrale Installation um ein zentrales Motiv

Mehr noch als in seinen vorangegangenen Inszenierungen hat Michael Thalheimer hier eine theatrale Installation eingerichtet, die deshalb nur mit sechs Akteuren auskommt, weil die zahlreichen Figuren ohnehin kein Eigenleben haben, sondern nur Varianten eines zentralen Motivs sind. Hier verschmelzen alle Szenen und alle Bilder zu einem Bild, hier sind alle Stimmungen und Gefühle in einem Ton eingefangen. Hier nimmt etwas seinen Gang und daran sind Menschen nur irgendwie beteiligt. Ein Theater als mechanische Exekution, als unaufhaltsames Ritual. Das wäre in seiner schematischen Wirkung gänzlich langweilig, wenn da nicht Sascha Nathan wäre, der mit seinem Powerplay ahnen lässt, wie er leidet an seinem Wahn, an einem Müssen, für das es kein Wollen mehr gibt. In einer Welt blutverschmierter Marionetten ist er, als Täter und Opfer, der letzte Mensch. Und Malcolm, gespielt von Kathrin Wehlisch. Sie hatte den Anfang gemacht als Hexe, als böser blutverschmierter Eros, und sie spielt nun am Ende auch den jungen Malcolm, dem, kaum dass man ihm die Krone aufs Haupt drückt, Blut aus dem Mund tropft. Die Hoffnung auf das Ende der Schreckensherrschaft ist das nicht. Ein Theater als in sich verschlossener Kunstraum, der uns Müllers „Macbeth“ vorführt als wär’s ein ferner Stern; ein schwarzes Loch, das jede Energie sterben lässt, und als erste die Hoffnung.