Yael-Ronen-eröffnet-die-Saison-am Gorki-Theater-mit-Roma-Armee

Gorki-Theater eröffnet Spielzeit
Theater für die Community
von Eberhard Spreng

Ein überwiegend aus Romnija und einem Rom zusammengesetztes Ensemble erspielt sich in einer knallbunten Show der israelischen Regisseurin Yael Ronen mit viel Pathos und ironisch gebrochenem Kitsch eine Musicalwelt: Ein Gypsyland Europa im Gorki-Land Berlin.

Deutschlandfunk, Kultur Heute 16.09.2017

Vor der Aufführung - Das Gorki-Theater

Das Gorki-Theater Berlin (Foto: Eberhard Spreng

Eine von Zeichnungen im Graffiti-Stil überzogene Landkarte Europas verdeckt die Hinterbühne: Räder, Augen sind da zu sehen und inmitten der Schriftzug „Gypsyland Europa“. Vor dieses Prospekt stürmen, angetrieben von dem furiosen Showmaster Lindi Larson, bunte, trashige gypsy-stilige Gestalten und bekennen sich, eine nach der anderen, zu ihren persönlichen Makeln. Queer, lesbisch, vegan, eine britische Romni, dabei aber knallblond, ein deutsch-türkischer Schwuler, alle sind Angehöriger gleich mehrerer, im rechten Diskurs oft stigmatisierter Minderheiten, nicht alle jedoch sind Roma: Yael Ronen wirbelt die Zuschreibungen in einer knallbunten Show wild durcheinander und lässt sie von ihren Akteurinnen und Akteuren, ihren Romnija und Gadjé auf der Vorderbühne ins Publikum schleudern. Dabei wird auch offen gelegt, was Angehörige der Minderheiten selbst gerne vor ihren Familienmitgliedern verschweigen würden.

Mama, ich weiß, du musst verärgert sein, dass hier so viel nackte Haut auf der Bühne ist. Ich weiß, du findest es unangebracht und verstörend. Ich weiß, du hast gehofft, mich nie wieder in Unterwäsche auf der Bühne zu sehen. Ich weiß, du kannst es nicht leiden, wenn Roma-Frauen von Gadje als übersexualisiert dargestellt und objektiviert werden.

Die Anregung kam von Sandra und Simonida Selmović

Das sagt Simonida Selmović, die zusammen mit ihrer Schwester Sandra engagiertes Roma-Theater macht und die Anregung zu dem Stück „Roma Armee“ gab. Das Verschwiegene, das Verdrängte soll ans Licht; die Show will die Minderheitenmarke Roma nach eigenen Worten „rebranden“ und ihre Angehörigen zu einem Coming-Out aufrufen, bevor sie am Ende berühmte Roma auflistet, wie Charlie Chaplin und Pablo Picasso. Dabei operiert Yael Ronen geschickt mit Kitsch und Ironie, bringt Showelemente in überraschende Kollisionen, sprengt, wie eigentlich immer in ihren Arbeiten, die etablierten Verbindungen von Form und Inhalt, kleidet das bitterernste Thema in musicaleskes Entertainment.

Klar, dass die anfänglichen Bekenntnisse zur eigenen Scham in den Angriff auf die Schuld der Gadjé, der Nicht-Roma-Mehrheitsgesellschaft übergehen müssen. Von den Verbrechen des Naziregimes ist die Rede, von Wiedergutmachungen für Mord, Verfolgung und Zwangssterilisation. Und weil Roma in Europa kaum Gehör finden, steigert sich das dann kurz in der Gründung der „Roma Armee Fraktion“. And now is the time to build the Roma Army. Esto es una revolución!

Plötzlich Einheitsuniform, MPs und Pistolen, Schüsse in Richtung aufs Publikum, dann gegenseitig. Die Gewalt läuft ins Leere, in die Selbstvernichtung, sagt da brav die Regie. Das über weite Strecken englischsprachige, aber natürlich übertitelte Ensemblestück arbeitet, wie so oft am Gorki-Theater mit Erlebnissen der Akteure, bezieht seine Kraft auch aus der Authentizität der Erfahrung. Die Blonde Riah May Knight erzählt von einem gespenstischen Bonfire, einem Freudenfeuer in einem englischen Dorf im Jahre 2003, das sie als siebenjähriges Mädchen erlebte und bei dem ein entfesselter Antiziganismus zum Ausbruch kam. An Stellen wie dieser bekommt der Abend einen fesselnden dokumentarischen Zug, der allerdings schnell wieder in Maskerade und greller Selbstironie vergeht: Wenn die Israelin Orit Nahmias und Mehmet Ateşçi sich wenigstens die Gewänder zu einer Szene überstreifen dürfen, die es nicht in die Roma-Show geschafft hat. Er ist zwar als schwuler Deutsch-Türke in jeder anderen Gorki-Show bestens für Identitäts-Konflikte im Gender-Kampf gerüstet, kann aber im Roma-Umfeld sowenig wie seine israelische Ensemblekollegin als Vertreter einer verfolgten Minderheit gelten.

Ein Gratwanderung zwischen Kitsch und Ironie

Lange hält Yael Ronen die Balance zwischen Rührung und Ironie, missachtet schlau die aus- und unausgesprochenen Regeln in dem von political correctness erstarrten Diskurs über die Roma-Minderheit, zitiert die amerikanische Black-Power-Bewegung als kämpferisches Vorbild und den südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungsprozess als Chance für eine Verständigung von Roma-Minderheit und weißer Mehrheit in einem Europa, das vom Neo-Nationalismus verdüstertet wird. Dann aber, am Ende, stehen das pathetische Bekenntnis und eine schnulzige Abschlusshymne. Jetzt schluchzen die Riffs zum Musicalfinale, das Publikum, das den gesamten Abend immer wieder mit Szeneapplaus beschenkte, bricht in Jubel aus, die einen, vor allem die Roma im Saal, sind tief gerührt, die anderen verstört von so viel ungefilterter Emotionalität. Ein Theater für die Community, kämpferisch, einend, ein Appell, ja fast schon ein Ritual.