Stefan Pucher – Marat-Sade

Stefan Pucher inszeniert Marat/Sade von Peter Weiss
Postfaktisches Puppentheater
Peter Weiss’ Paradestück über das Nachspielen von Geschichte im Irrenhaus wird am Deutschen Theater zum grellen Kasperlspaß, von dem kein erhellender Funke auf die Gegenwart überspringt.

von Eberhard Spreng

Deutschlandfunk – Kultur Heute, 28.11.2016 – Beitrag hören

Das Deutsche Theater mit seinem Spielzeitmotto „Keine Angst vor Niemand“ (Foto: Eberhard Spreng)

Für das postfaktische Zeitalter gibt es wahrscheinlich keinen besseren Schutzraum als die Psychiatrie. Denn wo sonst können Menschen die Wirklichkeit mit ihren irren Vorstellungen so ignorieren, verbiegen, so zum verzerrten Dekor ihrer privaten Projektionen machen? Und wenn mit der Wirklichkeit dann auch noch die große Welt- und Menschheitsgeschichte gemeint ist, also das Große Ganze, dann doppelt man diese Anstaltssituation am besten noch mit einer weiteren Darstellungsfolie: Dem Theater. Stefan Pucher setzt die in der Irrenanstalt von Charenton versammelten Darsteller in Peter Weiss’ Parabel zusätzlich noch in ein Kasperldekor, das ihm die letzten Reste realistischer Darstellung austreibt: „Original Geister- und Gespenstererscheinungen“ steht auf einer Jahrmarktbudenfassade, „Horror und Abnormitäten“ bzw. Illusionen“ und „Sensationen“.

Die Akteure als Zwitter aus Mensch und Puppe

Im Inneren dieser Schaubude warten Schauspieler mit grell geschminkten Gesichtern, die sich kleine Puppenunterkörper wie Schürzen vor den Bauch geschnallt haben, Zwitterwesen zwischen Grand-Guignol und Rampensau. Der Chor des Stücks hingegen tritt, mit Pilzfrisurperücken, schwarzen Anzügen und rotverschmierten Mündern auf, eine geklonte Volksmasse mit gefährlicher Aggressivität.

„Lange genug waren wir ausgeschlossen, lange genug waren wir die Opfer ihrer Verachtung und wir wollen mittun, mitbestimmen…
Wir sind viele! Wir sind viele! Die Mehrheit sind wir!“

Nur eine Conferencière, Jean-Paul Marat und der Spielleiter de Sade treten als Einzelfiguren auf. Anita Vulesica greift immer wieder energische ins ausufernde Geschehen ein, der von Daniel Hoevels ausgesprochen depressiv angelegte, fast erloschene Marat sitzt mit Kopfbinde apathisch in der zentral positionierten Badewanne und Felix Goeser hockt als Marquis de Sade an der rechten Vorderbühne, jederzeit bereit, das bunte Treiben einzunorden und auf den diskursiven Punkt zu bringen: Kollektivismus versus Subjektivismus, notfalls gewaltsam durchgesetzte Moral und Tugend oder fatalistisches Akzeptieren einer notorisch schlechten Natur des Menschen, schließlich Sozialismus oder Individualismus.

„Wo mehr als zwei Menschen sind, klafft eine Abgrund. Ich scheiße
auf diese Bewegung von  Massen, die im Kreis laufen. Ich scheiße auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren, ich scheiße auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich selbst!
Und ich, Sade, glaube nur an die Sache, die du verrätst.“

Im hinteren Bereich eines sich perspektivisch verjüngenden Bühnenkanals hat man für das Volk ein Guillotine aufgebaut und köpft serienweise. Bis eine kleine Reihe von Köpfen  – säuberlich auf kleine Stäbe gesteckt und ausgestellt – das historische Geschehen illustrieren, ein Rest blutiger Anschaulichkeit im Streit manch trockener Diskurse. In seinem Züricher „Volksfeind“ hatte Stefan Pucher das Publikum vor einem Jahr geradezu gezwungen, sich für oder wider die Politik eines Öko-Fundis zu entscheiden, im Zuschauerraum zu bleiben oder ins Foyer zu wechseln. Hier aber lässt er es im Komfort fast teilnahmsloser Betrachtung.

Die Langeweile der Revolutionäre

Marat/Sade scheint hier, trotz Occupy, trotz Pegida kein Stück, aus dem für heutige Gesellschaftszustände Funken überschlagen könnten. Und wenn dann einmal Forderungen heutige linker Bewegungen laut werden, dann im Ton einer hohlen, müden, routiniert-langweilig verlesenen Liste.

„Wir fordern eine Ende des Krieges, ein Ende des Imperialismus! Stoppt das internationale Finanzkapital, stoppt die globalen Konzerne! Wir fordern einen regionalen Handel, eine Rückkehr zum Naturalientausch, die sofortige Stillegung der Rüstungsindustrie … „

Am Ende der Aufführung doppelt sich die Figur des Marat, eine lebensgroße Puppe wird in der Wanne von einer Corday-Puppe ermordet, die vom Chor erst aufgestachelt werden muss und dann rechtfertigt ein müder Marat-Darsteller die Blutherrschaft der 1790er Jahre rückblickend als Notwehr der Besitzlosen. Die Revolutionsfrage des Marquis de Sade aber bleibt, wie alle großen Theaterfragen, offen. Auch wenn das Pucher-Theater am Ende seine Kasperl-Maske ablegt und versucht, seinen Abstand zum blutigen Gegenstand der Geschichte etwas zu verkürzen, es musealisiert den Marat/Sade des Peter Weiss zu einem gegen alle Anfragen aus der Gegenwart abgedichteten, grellen Spaß.