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„Richard III“ am Théâtre de l’Odéon
Runderneuertes Volkstheater
von Eberhard Spreng

Thomas Jolly war mit dem von ihm inszenierten, achtzehnstündigen „Heinrich VI“ die große Überraschung beim Festival d’Avignon 2014. Er beendet seinen Shakespeare-Zyklus mit einem „Richard III“, in dem er selbst die Hauptrolle spielt: als rudimentär gefiederter Todesengel und furioser Theaterpunk.

Deutschlandfunk – Kultur Heute, 12.01.2016

Thomas Jolly spielt den gefiederten König Richard III (Foto: Nicolas Joubard)

Auf dem Vorplatz des Théâtre de l’Odéon ist ein Container abgestellt. In knapp halbstündiger Begehung können dort eine Handvoll Interessierte das Pandämonium von Richard, dem Graf von Gloucester erkunden: Gehhilfen und andere Prothesen, Stammbäume der Häuser von York und Lancaster, Diaprojektionen, Holografien, Objekte in Regalen. Aus dem Off spricht eine Stimme von Eulen und Krähen, die die unheilvolle Geburt  des körperbehinderten Bösewichts begleitet haben sollen.

Später, auf der Bühne, wird schwarzes Gefieder zum Erkennungsmerkmal des höfischen Karrieristen Richard. Theaterprinzipal und Hauptdarsteller Thomas Jolly sprießen sie aus der Schulter und aus dem Handrücken: Ein humpelnder langbeiniger Mutant stolpert beim Trauerzug auf die trauernde Witwe Anne zu, zur ewig schönen, ewig rätselhaften Verführungsszene.

–    „Relève cette épée, ou relève-moi !
–    Lève toi, imposteur, bien que je souhaite ta mort, je ne veux pas être ton bourreau.
–    Alors demande moi de me tuer, je le ferais.
–    Je te l’ai déjà dit
–    C’était dans ta fureur, redis-le moi et à ces mots, cette main qui par amour pour toi a tué ton amour, par amour pour toi, tuera un amour bien plus véritable ; de cette mort tu sera la complice.“

Freude am Schauwert des Bösen

Im Ringen um die Macht im Königreich zielt dieser Thronjäger mit hinterhältiger Logik und perfider Rhetorik ins schwache Herz seiner Mitspieler. Gerne wird in Programmheften der Erfolg Richards mit der Verkommenheit des ihn umgebenden Hoflebens erklärt. Aber leider wird auch in der Aufführung von Thomas Jollys Piccola Familia die systemische Voraussetzung für den Erfolg des absolut Bösen nicht erspielt. Nicht also die politische Dimension jeder Usurpation. Es bleibt nur die Freude am Schauwert des Bösen. Denn Richards Boshaftigkeit ist nicht das Unheimliche, Unerklärte, dunkel Agierende. Shakespeares Richard performt das Böse in ihm offen, spielt mit dunkler Verführung, Schmerzsucht und der erotischen Macht der Zerstörung.

Eine Bühne durchzuckt von Laserstrahlen

Foto: Brigitte Enguerand

In eine absolut dunkle Bühne ist dieses Spiel gebettet. In weitgehend dunklen Kostümen treten die Akteure in den gleißenden Lichtstrahl diverser Bühnenlaser. Eine Hell-Dunkel-Malerei im Stile Caravaggios und Rembrandts entsteht: Ein Hand, eine Gesicht, ein Dolch gleißt aus dem Dunkel hervor. Weit treibt der Regisseur und Hauptdarsteller, der hier auch für die Szenographie verantwortlich zeichnet, das Spiel mit den programmierbaren Scheinwerfern. Sie bilden Barrieren aus Licht, lassen an Überwachung denken, an ein technologisches Terrorregime in einer Bühnenlandschaft aus einfachen, schnell veränderbaren Gerüsten. Eine Showbühne wie für einen amerikanischen Wanderprediger, der für irgendeine Satansgemeinde neue Anhänger aushebt. Einmal werden zwei große Familiengemälde aufgefahren: die Häuser York und Lancaster, Streitparteien im Krieg der Rosen. Nach mehr als zwei langen Stunden kommt endlich mit Richards Krönung Pop-Stimmung auf.
Das Publikum jubelt, und später singt es mit. Die Krönungsszene, eine schwarze Messe voller Grufties, sorgt für Wachwerden inmitten der Ermattung: Viereinhalb Stunden kämpft sich die Inszenierung wacker und texttreu durch das Stück. Wäre da nicht die sehr jugendliche Energie der Truppe für dieses Vollgastheater, das fast schon Solo mit Beiwerk zu nennende Unternehmen würde scheitern. Thomas Jolly, der seinen Richard als hyperaktiven Punk vorführt, hat keine ebenbürtigen Mit- und Gegenspieler. Allenfalls Émeline Frémont liefert sich mit dem Protagonisten als Elisabeth eine späte kämpferische Verhandlungsszene.

Der Abschluss eines gigantischen Theaterprojekts

Warum aber endet dieses über Jahre geprobte Mammutprojekt an den Rosenkriegen, das mit der achtzehnstündigen Heinrich VI.-Trilogie so fulminant begann, in diesem Richard dem Dritten doch ein wenig enttäuschend? Thomas Jolly hatte seiner ganz dem epischen Volkstheater verpflichteten  Inszenierung in der Heinrich-Trilogie eine berauschend-entzückende Erzählerfigur beigesellt, die in Manon Thorels grandiosem Spiel einen steten Bezug zum Publikum garantierte, es bei der Hand nahm, wenn es drohte, sich in den mehr als 10.000 Versen zu verlieren. Ungemein charmant erneuerte sie das Bündnis zwischen Saal und Bühne immer wieder aufs Neue. Jollys Richard der Dritte verzichtet auf diese Vermittlerfigur, will aber andererseits nicht mit entschlossenen dramaturgischen Schwerpunktsetzungen Schneisen ins Dickicht des Stücktexts schlagen. So hatte es der in Frankreich vergötterte Thomas Ostermeier getan, dessen Richard der Dritte nach Schaubühnen-Gastspielen in Frankreich andauernd als Maßstab herangezogen wird. Und doch bleiben Thomas Jolly und seine Truppe ein aufregendes Phänomen. Es hat in kurzer Zeit eine gewaltige Fangemeinde um sich versammelt, ein bisschen so, wie dereinst Ariane Mnouchkine und ihr Théâtre du Soleil, ein Volkstheater, das ganz der Wirkung seiner technologisch runderneuerten und doch traditionellen Mittel und Ästhetik vertraut.