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F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne
Kibbeh und andere Türen ins Reich der Erinnerung
von Eberhard Spreng

„Die Kunst des Vergessens“ will das 18. Schaubühnenfestival mit internationalen Gastspielen erkunden. Aber diese Kunst ist nicht ohne eine Kultur der Erinnerung zu haben. Die Bilanz einer starken Theaterschau.

Deutschlandfunk, Kultur Heute – 20.04.2018 → Beitrag hören

Das Dekor der Aufführung: Ein künstlicher Urwald

La Despedida (Foto: Camille Barnaud)

Der Geschmack eines in Lindenblütentee getunkten Stücks Gebäck öffnet die Tür zu einer ganzen Welt von Erinnerungen, Gefühlen, Ansichten. Die in Marcel Prousts legendärem Erinnerungskunstwerk „À la recherche du temps perdu“ anhand einer so genannten Madeleine beschriebene Sonderrolle des Geschmacks- und Geruchssinns fürs Erinnern fasziniert auch die Hirnforscher. Sie sind immer noch nicht in der Lage, die Geheimnisse von Erinnern und Vergessen völlig zu erklären. Auch die deutsch-syrische Schauspielerin Corinne Jaber erlebt in dem Solo „Oh my sweet Land“, während der Zubereitung von Kibbeh, eines typisch syrischen Gerichts, die Wiederaufkunft von verschütteten Erinnerungen: “I’m in café Hayat. That’s where they all meet. Since the beginning of the revolution, I started to come here.”

Individuelles Erinnern wird von sensorischen Impulsen angestoßen

Während sie in der Pfanne Zwiebeln und Bulgur angedünstet, geht die Schauspielerin mit dem Text von Amir Nizar Zouabi zurück in ein Damaszener Café zu Beginn der Revolution, und während sich die Kochdünste allmählich im Zuschauerraum der Studiobühne verbreiten, erzählt die Akteurin von einer kurzen Liebesgeschichte und von der Suche nach dem verschwundenen Geliebten. Zu sehen ist neben dem Küchentisch und dem Herd auch ein großer Kühlschrank, und in den wird am Ende der Aufführung ein Blick gewährt: Er ist voller großer Fleischstücke vom Schlachthaus, aber in ihnen sieht nun keiner mehr die Zutaten für Kibbeh, sondern ein Bild für die Gemetzel im syrischen Krieg.

Erinnern und Vergessen sind wie die helle und dunkle Seite einer Medaille. Neuere Forschungen belegen, dass auch das Vergessen, ein für die geistige Gesundheit unverzichtbarer Vorgang, dem Gehirn nicht passiv unterläuft, sondern aktiv durch ein Protein angestoßen wird. Wenn also das diesjährige F.I.N.D. der Schaubühne im Untertitel provozierend „Die Kunst des Vergessens“ heißt, meint sie damit im Kern eigentlich „Die Kultur des Erinnerns“, zu der das Theater aufzufordern hat.

Kollektive Erinnerung ist eine Frage von Lernprozessen

Während das individuelle Erinnern wie in „Oh my sweet Land“ infolge der Entwicklungsgeschichte unseres Gehirns über den Geruch zugänglich wird, funktionieren kollektive Erinnerungsrituale völlig anders. Jede Gesellschaft hat dafür unterschiedliche Ereignisse, Themen, Konflikte, zum Beispiel in Kolumbien. „Sehr geehrter Herr General, im September 2016 erfuhren wir, die kolumbianische Armee habe das frühere Lager der revolutionären Streitkräfte, FARC, in ein lebendes Museum umgestaltet.“

Das kolumbianische Mapa-Teatro besucht eine kuriose Erinnerungsstätte, das Lager El Borugo, wo Soldaten der kolumbianischen Armee in Reenactment-Szenen den bewaffneten Konflikt der FARC nachstellen. Die Soldaten werden so zu einem staatlichen Laientheater, das allerdings historische Details fälscht. Der Gesamtkontext des Warum und Wofür der FARC wird unkenntlich. Auf einer mit vielen Palmen lustig in eine Urwaldparodie verwandelten Bühne zeigt nun das Mapa-Teatro historische Filmbilder von der ersten FARC-Zeit, dann die Videobilder, die es  im diesem Fake-Camp gedreht hat, später aber auch, als graue Masken, u.a. die Köpfe von Che Guevara, Mao und Marx. Am Ende einer ziemlich bunten, grellen Show, in der es immer um Fragen von Schein und Sein in Kolumbien geht, unterhält sich ein zigarrenrauchender Schamane mit der Marxfigur. Der vertreibt mit Palmwedeln die bösen Geister und fragt: „Wo bin ich?“, während sein in sich versunkener Gesprächspartner vom Land seiner Vorfahren erzählt, als deren Erbe er sich versteht. Im Kampf der Erinnerungskulturen und mit der offiziellen kolumbianischen Geschichtsinszenierung zelebrieren die Akteure des Mapa-Teatro auf verschiedenen historischen Ebenen ein Spiel um die Fragmente eines Erinnerns, das wie ein zersprungener Spiegel verschiedene Reflexe eines Bildes zeigt. Zu einem Ganzen lassen sie sich nicht mehr fügen.

Die Performerin Ntando Cele hat ihr Gesicht weiß überschminkt

White-Facing von Performerin Ntando Cele (Foto: Janosch Abel)

Erinnert kann nur werden, was einmal gewusst wurde. Aber über den Massenmord in ehemaligen deutschen Kolonien und die Quellen seines nicht überwundenen Rassismus hat Deutschland nie besonders viel gewusst: Umso heftiger fällt die Performance „Black off“ der südafrikanisch-schweizerischen Künstlerin Ntando Cele aus, die mit weiß geschminktem Gesicht – Achtung Whitefacing ! – zunächst die zickige, weiße Kunstfigur Blanca White spielt und dann, abgeschminkt, einen ziemlich aggressiven Punkauftritt hinlegt:

“Thank you, you little helpless helper
Thank you, you can go fuck yourself…”

In einem sehr starken Festival, das einige Großproduktionen mit kleineren Performance-Formaten kombiniert, blickt F.I.N.D. in verdeckte Gehirnregionen und legt mentale Räume frei, die im postfaktischen Zeitalter digitaler Filterblasen keine Likes bekommen. Zur Krönung zeigt es am gesamten Wochenende mit „Ibsen Huis“ von Simon Stone eine gewaltige, ins Heute übertragene Handlungskollage vom Meister der verdrängten Familientabus: Henrik Ibsen. Und die Familie ist ja der erste Ort, wo Strategien von Erinnern und Verdrängen schon im frühen Kindesalter erlernt werden.

Anmerkungen zu „Ibsen Huis“ beim Festival in Avignon 2017